Kulturreise mit Motorrad in Südspanien? Ja, geht

Schon mal unfreiwillig durch eine sehr belebte, sehr lange, komplett verkehrsberuhigte Altstadtzone einer Metropole mit dem Motorrad gefahren?

Wer das Erlebnis nicht kennt, lasse sich versichern – es macht keinen Spaß. Mangels Navi und Ortskenntnis schieben wir uns mit den scheppernden Bullets durch die schmalen Gassen von Granada. Um mich herum eine dichte Mauer aus Menschen. Hinter mir höre ich die Maschine meiner Frau. Zu sehen ist sie nicht. Im Schritttempo schieben wir uns Meter für Meter nach vorn. Die Kupplungshand beginnt zu schmerzen.

Spanische Gelassenheit

So unangenehm mir die ganze Sache ist – die Menschen bleiben erstaunlich gleichmütig. Manche lächeln sogar, was vielleicht auch dem freundlichen Konterfei der Motorräder geschuldet sein mag. Vor allem aber spanischer Gelassenheit.

Die Stimme in meinem Ohr versichert penetrant, dass ich der Route zu folgen habe. Sich in Spanien nur mit Karte zurechtzufinden, ist überhaupt kein Problem. Mit Ausnahme der Großstädte. Um unser Appartement im Zentrum zu erreichen, greifen wir, unwillig und zum ersten Mal, auf Google zurück. Mangels Befestigungsmöglichkeit steckt das Telefon in meiner Innentasche, die Kopfhörer drücken merklich unter der Halbschale. Eine Lösung, die im Notfall funktioniert. Aber empfehlen mag ich sie nicht.

Ton-Steine-Scherben

Nordspanien hatten wir bereits unter die Räder genommen. Aber der Süden fehlte noch. Insbesondere Andalusien steht schon lange auf meinem Wunschzettel. Allerdings weniger wegen der Motorradstrecken, sondern vielmehr aufgrund der kulturellen Einflüsse mozzarabischer Zeit.

Eigentlich also eine Ton-Steine-Scherben-Tour, die sich, Andalusienkenner wissen das, vor allem auf Städte konzentriert. Städtetouren mit dem Motorrad sind mir aber eigentlich ein Graus. Bei der Tourenplanung schließen wir Städte deshalb so gut wie immer aus.

Mit leicht zu manövrierenden Royal Enfield 500 sieht die Sache aber schon wieder anders aus. Also mieten wir uns zwei Bullets. Mehr als 200 Kilometer sollen es im Tagesdurchschnitt ohnehin nicht werden, damit noch Platz ist für all die Besichtigungstouren und Kaffee Cortados am Wegesrand.

In der Vorphase fallen die Reaktionen auf unser Reiseziel auf. Das klingt unisono ungefähr so: „Ooooh! Wie schön!“ Dass sich Andalusien so sehr ins deutsche Kollektivbewusstsein als unstrittiges Reiseziel eingegraben hat, war mir nicht bewusst. Und erhöht meine Erwartungen. Die nicht enttäuscht werden.

Sonnenbrand und Frieren

Einen wesentlichen Nachteil Südspaniens darf man aber nicht vergessen. In der Hauptsaison ist es heiß. Sehr heiß. Zu heiß. Cordoba beispielsweise pumpt sich im Sommer auf bis zu 47 Grad hoch. Ich mag Hitze nicht. Lieber im Winter ohne Handschuhe bis zum Nordkapp, als im Sommer auf einer spanischen Piste zu verdampfen. Also planen wir für Februar. Was wir nicht bereuen werden.

Denn es ist weitgehend sonnig. Dennoch war der dicke Pullover eine gute Entscheidung. An manchen Tagen wünsche ich mir sogar, die Winterhandschuhe mitgenommen zu haben. Auf den Fotos wirken der blaue Himmel und die strahlende Sonne zwar nachträglich ganz so, als wäre es angenehm warm. Aber sobald auch nur ein kleines Lüftchen weht, wird es kühl. Nehmen wir mit den Motorrädern Fahrt auf, erst recht.

Das ist der Grund, weshalb ich mir einen sehr bösen, sehr schmerzhaften Sonnenbrand auf der Nase holen werde. Mit der unterkühlten Nasenspitze verliere ich das Gefühl für die stechende Sonne, die mir nach zwei Tagen das Aussehen eines durchgegarten Hummers gibt. Ins Gepäck gehören also warme Klamotten und Sonnencreme.

Ein weiterer Grund spricht für Februar. Die touristische Infrastruktur arbeitet bereits, aber es ist noch nicht überlaufen. Unterwegs spontan ein günstiges Zimmer zu ergattern, ist ohne Schwierigkeiten möglich. Eine Ahnung davon, wie sich die Menschenmassen im Sommer durch die Hotspots schieben müssen, erhalten wir in Granada.

Tickets für die Alhambra, sagenhafte Festung, die über der Stadt thront, sind für die nächsten 6 Wochen nicht zu bekommen. Mit ausdauernder Hartnäckigkeit und einer nach oben verschobenen Budgetgrenze funktioniert es aber doch. Die Vorstellung, sich hier im Juli oder August schwitzend mit Busladungen von Menschen und am besten auch noch in Motorradklamotten im Schneckentempo von einem Fotospot zum nächsten zu schieben, lässt uns erschauern.

Empfehlung!

Was kann ich Euch nun zu der Tour schreiben? Vor allen Dingen, dass es sich lohnt. Südspanien ist wunderschön. Die Städte, Burgen und Bauwerke, die es zu besichtigen gibt, sind über jeden möglichen Zweifel erhaben. Und bedürfen meiner Vorstellung nicht.

Für Motorradfahrer allein wichtig zu wissen ist, dass es entweder ein ausgezeichnetes Navi oder den Orientierungssinn eines Zugvogels braucht. Denn die Städte sind Irrgärten aus einem Netz verwinkelter, enger Einbahnstraßen. Ehemals auch aus strategischen Gründen, so erklärt eine Einheimische. Die Gassen wurden im Mittelalter teilweise so angelegt, dass sich Angreifer verirren sollten. Um im Bestfall auf ausgekipptem Olivenöl auszurutschen.

Ein letzter Tipp

Noch ein letzter, allgemeiner Tipp. Die Motorradmiete ist in Portugal weitaus günstiger als in Spanien. Das ist der Grund, weshalb wir unseren Startpunkt nach Faro in Portugal legen. Allerdings müsst Ihr aufpassen, dass der Grenzübertritt mit den Maschinen nach Spanien erlaubt ist. Unser Anbieter*, mit dem wir sehr zufrieden waren, hat allerdings Pannenservice für das Ausland ausgeschlossen. Mit Motorrädern wie den Bullets kann das zum abenteuerlichen Roulette-Pannen-Spiel werden. Aber das ist eine andere Geschichte.

*Die Jungs von Soulfulbikes, die ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht haben, kann ich ruhigen Gewissens empfehlen: https://www.soulfulbikes.com/en

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1 Comment

  1. Ja, Andalusien ist wunderbar! (In der Vorsaison) Und das Irren durch Altstadtgassen ist ein besonderes Abenteuer! Uns passiert in Sevilla, da unsere Unterkunft mitten in der Altstadt lag. Da Parken für EIN Motorrad am Tag in der weit entfernten Tiefgarage 25 € geskostet hat, haben wir uns dann neben die einheimischen Roller in die gesperrte Gasse gestellt (und innerlich ziemlich gezittert). Keiner hat gemeckert, alles ging gut. (Okay, 420 kg trägt man ja nicht so einfach mal weg. 🙂 )

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