21 h

Taugt ein 27 PS-Motorrad für einen ganz privaten 21-Stunden-Marathon? Aber klar. Nur Flickzeug sollte man nicht vergessen.

Mindestens einmal im Jahr heißt es für mich, von der südlichsten Ecke an die nördlichste Spitze Deutschlands zu fahren. Die sinnvollste Art zu reisen böte die Bahn. Aber die Aussicht, in einem überfüllten Zug mit wenig Sitzkomfort zu sattem Preis durch die gesamte Republik zu gondeln, ist wenig attraktiv.

Auch das Auto ist keine Alternative. Deutsche Autobahnen bieten im Juli vor allem Baustellen und Staus. Dort treffen dann unentspannte Urlauber und gestresster Berufsverkehr aufeinander. Viele einen zwei Dinge: das Rennen gegen die Zeitberechnung des eigenen Navis und die Aggression gegen das Gefährt, das den eigenen Weg versperrt. 

Langstreckentest für 27 PS

Aber glücklicherweise gibt es ja Motorräder. Und Landstraßen. Am Tag zuvor stehe ich vor der BMW und der Royal Enfield. Die 800er wäre die vernünftige Wahl. Doch das ist die Gelegenheit, die Langstreckentauglichkeit der Bullet zu testen. Und so geht es am nächsten Tag los. Sehr früh, denn die Bullet ist langsam. Sehr langsam. Und Münchens Straßen sind zu Zeiten der Rushhour in etwa so frei, wie ein in der Provinz vergessenes Bahnhofsklo sauber ist. 

Ich entdecke vermeintlich Bekanntes. Durch die Holledau bin ich schon unzählige Male auf der A9 gefahren. Aber nun, auf den moderat kurvigen Sträßchen nebenan, brause ich mitten durch den sattgrünen Hopfen. Dann die sanften Hügel Frankens. 

In Hessen verirre ich mich im Landstraßengewirr. Ohne Navi auch kein Wunder. Zudem enden scheinbar sämtliche Örtchen auf „-rode“. Ich verliere die Orientierung. Blöderweise auch einen nicht ganz unwichtigen Bolzen, der Motor, Fußrasten und Schalthebel hält. Die Mutter hat sich gelockert und durch Vibration und Belastung ist das gute Stück an einer Seite gebrochen. Das hätte böse ins Auge gehen können. 

Leider lässt sich die verbogene Steckachse auch nicht behelfsmäßig wieder an ihren Platz schieben. An eine Isomatte habe ich gedacht. An Werkzeug nicht. Da stehe ich mitten in märchenhafter Landschaft mit dem Stummel in der Hand und wäge ab. Den ADAC rufen? 

Alles in Butter

Aber eigentlich ist ja alles in Butter. Ich bin nicht verletzt, der Motor läuft und die Reifen sind in Ordnung. Den ADAC brauche ich also nicht. Ich beschließe stattdessen, meinem Glück eine Chance zu geben. Mit Kabelbinder fixiere ich den Kram notdürftig und taste mich mit 40 km/h von einem Kaff zum nächsten.

Zu schalten ist nicht einfach. Da ich die Füße nicht abstellen kann, muss mit Zehenspitzengefühl die schief sitzende, leicht baumelnde Schalteinheit gesucht werden, um dann behutsam den gewünschten Gang einzurasten. Schon mal eine Katze beobachtet, die die Spitze ihrer Pfote ins Wasser eintaucht? So ungefähr sieht es aus. 

Endlich finde ich eine KFZ-Werkstatt. Aber Hilfsbereitschaft geht anders. Ich komme kaum dazu, mein Problem zu beschreiben: „Haben wir nicht.“ „Können wir nicht.“ „Wissen wir nicht.“ An einem schwülheißen Freitagnachmittag um 15:00 Uhr ist hier nicht viel zu hoffen. Die nächste größere Stadt ist Bad Hersfeld. 

Also 20 Kilometer im Schneckentempo. Durch wunderschöne Landschaft. Die Gegend zeigt sich von ihrer Schokoladenseite. Windschiefe Fachwerkhäuschen, dunkle Wälder, Flussläufe durch Wiesen. Ein weiteres Motorradfahrerparadies.

Auch in Bad Hersfeld kein Motorradhändler. Die wenigen Autowerkstätten sind freundlich, aber ratlos. Einen Baumarkt gibt es immerhin. Ich kaufe Werkzeug, biege, schleife, klopfe den Bolzen zurecht und treibe ihn mit sanfter Gewalt an seinen Platz. Dann fixiere ich ihn mit Tape und Kabelbinder.

Sitzt, passt, wackelt, hat Luft. Und hält sogar! Die Royal Enfield Buddies suchen mir währenddessen Adressen von Royal Enfield-Händlern heraus. Der Plan: durchfahren und am nächsten Tag in aller Frühe in Kiel das Ersatzteil holen.

Weiter. Immer weiter

Mittlerweile steht die Sonne am Horizont und ich habe gerade mal die Hälfte der Strecke geschafft. Doch die sinkenden Temperaturen wirken wie ein Guarana-Mate-Koffein-Schock unter einer eiskalten Dusche. Also weiter. Immer weiter durch berauschende Szenerien.

Mähmaschinen schieben sich in Niedersachsen über gelbe, hügelige Felder, ziehen Staubwolken hinter sich her, die sich vor dem blauroten Abendhimmel aufbauen. Im Vordergrund die schwarzen Silhouetten von Bauern, die ihren Ertrag verladen. 

Auch hier bin ich schon unzählige Male auf der Autobahn entlanggejagt. Aber wie grandios schön es nur ein paar abseitige Meter sein kann, war mir nicht bewusst. Da es in den Norden geht, fahre ich ins Licht. Im Rückspiegel breitet sich die Schwärze der Nacht aus, vor mir der türkisfarbene Abendhimmel. Bis auch der sich schwarzblau verdunkelt.

Bei Nacht zu fahren hat etwas Mystisches. Das charakteristische, niederfrequente Stampfen des Langhubers ist nun deutlicher zu hören. Der Scheinwerfer schneidet einen goldweißen Kegel ins Schwarz.

Der Gedanke, wie ein einsamer Asteroid durchs dunkle All zu gleiten, gefällt mir. Oder wie ein Leuchtgeschoss, das in den Nachthimmel abgefeuert wurde. Im Gebüsch und zwischen den Bäumen funkeln die Augen von Wildtieren. Ab und zu huscht ein Schatten über die Straße. 

Putzerfischstrategie

Deshalb biege ich doch besser ab auf die Autobahn, die nun, mitten in der Nacht, zum Bulletterrain wird. Nur ab und zu taucht Xenon-Scheinwerferlicht im Rückspiegel auf und schon krachen hubraumstarke Schlitten im Hochgeschwindigkeitsbereich vorbei. Es ist kalt geworden, aber die Fahrer werden sich wohl im vollklimatisierten Innenraum in ihre Sessel kuscheln und, wenn überhaupt, nur ein Säuseln hören.

Mich aber saugt der Winddruck jedes Mal mit Wucht an, zieht mich zur Seite, dann nach vorn, während in der Ferne schon die Rücklichter verschwinden. Besser, ich hefte mich an die Fersen eines LKW. Wie ein Putzerfisch im Kielwasser eines Blauwals schwimme ich mit. Jetzt halten die Autos Abstand. 

Endlich das schillernde und selbst zu dieser Stunde geschäftige Hamburg. Der Elbtunnel wird zur Klangprobe. Als wilde Hummel brumme ich durch die Röhre. Dann der Endspurt und endlich erreiche ich mein Ziel. 

Blasen und Muskelkater

Ich war 21 Stunden unterwegs. Meine Hände und mein Nacken sind steif, ich habe Muskelkater in den Oberschenkeln und spüre meinen Rücken. Die zwei Blasen an den Fingern entdecke ich erst am nächsten Tag bei WiMi, der wahrscheinlich letzten echten Schrauberwerkstatt in Kiel mit hohem Kultpotenzial. Hier wird geholfen, wenn man kann. Und man kann. 

Das Resümee dieser Geschichte? Wir leben in einem wunderschönen Land. Fahre nie ohne Tape, Kabelbinder und Draht. Ein Hoch auf den Motorrad- und Schrauberethos. Und ja, selbstverständlich mache ich das nochmal. 

Zum Inhaltsverzeichnis.

19 Comments

  1. Schön! Einfach nur schön! Mit dem Draht … da fällt mir eine Filmszene ein….

    Opa‘s Rat: Nimm Draht.

    Liegt dieser in meiner Möhre – nein, na. Das kann man jetzt ja mal angehen 🙂

    1. Hallo Uli, habe mir eben Deinen reaktivierten Blog angesehen und bin bei Deinem Bericht meines anderen Motorrads hängen geblieben (das kein Navi hat). Gut getroffen! Bin gespannt, was kommen wird.

    1. Danke! 🙂 Ja, drei Wochen sind definitiv die bessere Variante. Ich würde es auch nicht unbedingt empfehlen. Es bleibt zu wenig Zeit, für all die Dinge am Wegesrand.

  2. Hallo,
    dem kann ich nur beipflichten. Bin an Pfingsten mit meiner Ape TM 220ccm/11PS von Weiden/Opf bis Rügen und wieder zurück.
    Deutschland ist abseits der Autobahnen einfach nur wunderschön.

    Schau doch einfach mal hin!

    1. Mit einer Ape! Die finde ich ja auch heiß. Seit Jahren stehe ich immer mal wieder bei Gelegenheit vor der Frage, ob ich nicht eine kaufen sollte. Mich schrecken nur die Preise. Hast Du sie ausgebaut?

  3. Was für eine Tortour! Wie kann ausgerechnet eines der wichtigsten Teil am Motorrad brechen? Darf doch nicht sein, sowas.

    Ansonsten verstehe ich den Zauber der Reise. Ich mag Bundesstraßen sehr und nutze sie wann immer möglich. Meist kommt man zügig voran und kann Orte und Landschaft entdecken.

  4. Respekt, lieber Gypsy Chimp. Dein Bericht trifft mich an einen empfindlichen Punkt. Am kommenden Samstag habe ich eine Fahrt mit der Royal Enfield in Deutschlands Norden geplant. In zwei Tagen, die Nacht in einem Schlafsack neben dem Motorrad verbringend. In der Aussicht, dass ich anschliessend auch noch zwei Wochen in der Schweiz fahren werde, habe ich dann das Vorhaben aufgegeben und mich für den bequemen Beifahrersitz eines Autos entschieden – mit luxuriösem Wohnmobilausbau. Mich tausend Kilometer durch die BRD zu plagen, erschien mir dann doch zu wenig komfortabel. Und jetzt lese ich das! Was bist du doch für ein Held und was bin ich für ein Weichei. In Anbetracht deiner heroischen Reise ringe ich nun mit mir. Soll ich mir ein Herz fassen und wie du ein ganzer Mann sein oder soll ich – zum Wohlgefallen meiner Reisebegleiterin – als Pantoffelheld auf dem Beifahrersitz platz nehmen. Wir werden sehen.

    1. Machen! Der Beifahrersitz bleibt Dir doch für später. Allerdings hatte ich großes Glück mit dem Wetter und bin die ganze Zeit über trocken geblieben. Nass hätte das alles nur halb so viel Freude bereitet – und derzeit schüttet es zumindest hier in Bayern wie aus Kübeln. Habt Ihr eine Anhängerkupplung?

  5. Herrlich geschrieben und ein großes Lob für wunderschöne Wortspiele…. („zuerst die Orientierung und dann ein wichtiges Teil verloren…“)

    Ich fahre ja auch echt viel und lange Tage, aber ob 21 Stunden meinem gut gepolsterten A**** gut täten? Ich müsste ihn mal befragen…

    Aber wirklich schön geschrieben…

  6. Ich oute mich dann mal: Ich bin auch ein Putzerfisch. 😀

    Geschwindigkeit wird gehalten, alles schön gleichmäßig. Zudem sieht man was man sehen will/muss – und das Gefährt vor einem hat definitiv das bessere Licht und leuchtet die Straße besser aus.

    Aber komischerweise kann ich das nur auf der Autobahn leiden. Auf Landstraßen mag ich nicht LKW hinterherfahren. Warum? Weil dann immer ein Treibolz von PKW-Treiber sich zwischen mich und den LKW setzen will (weil er irgendwas überholen musste – innerer Zwang und so) und damit mein entspanntes Putzerfischdasein beendet. Anschließend hängt er direkt hinter dem LKW und sieht nicht mehr was vor dem so los ist. Alle 5 Sekunden gibt es einen angetäuschten Überholvorgang um dann wieder hinter den LKW abzutauchen.

    Man scheint also Putzerfischgene zu brauchen um ein guter Putzerfisch sein zu können. 😉

  7. Bequem über Land zu fahren und KM zu machen hat auch was. Die Autobahn ist oft mehr Stress als sich auf der Landstrasse mit LKWs und Landwirtschaftsmaschinen zu zanken um beim Überholen die letzten Leistungskräfte aus dem Motor zu drücken.
    Immerhin geht es mir so auf der Honda. ^_^

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