Wenn schon Rebellion, dann Bullet!

Man bringt seine Maschine zur Reparatur und erhält dann eventuell ein Leihmotorrad. Allerdings nicht irgendeins. Und schon gar nicht das eigene Modell.

[Bild: Revolution! | motorradblog.de]

Ich vermute deshalb, die meisten erfolgreichen Händler sind mit einer soliden Portion psychologischem Gespür versehen und haben die Vorlieben ihrer Kunden gut im Blick.

Denn so ein Leihmotorrad ist meist nicht zu weit entfernt von der Maschine im eigenen Besitz. Aber sie bietet immer ein Mehr. Und schon werden Bedürfnisse wach, die es zuvor nicht gab. Honigtopf.

DerHalbharteMann schreibt über seine Affäre mit einer Continental GT 650. Gut kann ich nachvollziehen, was er mit dieser „Aura der Rebellion“ meint. Aber irgendwie, so klingt es an, erscheint die Bullet bzw. Classic nun neben der rotzigen Continental als allzu braves, etwas behäbiges Mädchen.

Wirklich nichts ist gegen die Continental zu sagen. Im Gegenteil. Aber ich finde – und nur das will ich ergänzen – eine Bullet ist Rebellion in Reinkultur. Mehr als jedes One-Percenter-Gedöns, jedes E-Motorrad oder jeder Streetfighter.

Purer Trotz

Warum? Sie ist der Inbegriff eines trotzigen Du-Kannst-Mich-Mal. Ein Motorrad, das seit den 1950ern so gut wie unverändert verkauft wird, stellt den Sinn des überreizten Neuer-Schneller-Besser so radikal in Frage, dass jeder Marktstratege sich eigentlich die Augen reiben müsste.

Die Bullet bedient aber nicht den Retro-Zeitgeist. Zwar passt sie ganz gut in den Pseudo-Anno-Dazumal-Trend. Aber sie ist alles andere als retro. Als „das am längsten kontinuierlich gebaute Motorfahrzeug der Welt“* ist sie das, was sie ist. Ein sehr fester, ehrlicher Händedruck aus einer anderen Zeit.

Damit stellt sie ein Unikum in der Mobilitätsgeschichte dar. Um das falsche Bild vom schicken Hipster-Motorrad zurechtzurücken: es gibt nur ein Auto, das mir einfällt und das sich derart erfolgreich jeder radikalen Überarbeitung entzogen hat – der seit vier Jahrzehnten gebaute Lada Niva (Lada Taiga in Österreich). Der steckt im Vergleich zur Bullet aber noch in den Kinderschuhen.

Definiere sportlich

Dank des eigentlich gar nicht so spektakulären Vorschlags unseres Verkehrsministers** quatschen alle wieder mal zum deutschen Lieblingsthema Sicherheit wild durcheinander. Davon unbeeindruckt werden zuverlässig Fahrzeuge produziert und gekauft, deren steigende Leistungsstärke offenbar niemandem so richtig zugetraut wird. Wohl ein Grund für all die technischen Hilfsmittelchen.

Die Bullet ist da anders positioniert. Wenige PS. Aber die müssen beherrscht werden. Wer bei einem Gebirgsrennen auf kurviger Piste mit einer Bullet an der Leistungsgrenze unterwegs ist, weiß, was „sportlich fahren“ bedeutet.

Übrigens ist es mittlerweile rebellisch, langsam zu fahren und sich nicht an die allgemeine Fließgeschwindigkeit anzupassen. Wer’s nicht glaubt, bummele die nächste Tour außerorts mit konstanten 70 ab. Die Reaktionen der anderen geben einen Einblick in das, was von manchem Mitmenschen zu erwarten ist, sobald der Putz der Zivilisation bröckelt.

Aber so hat es DerHalbharteMann freilich nicht gemeint. Indessen sind wir nur in einer Sache uneins: sollte ich noch heute Abend auf die Barrikaden zum revolutionären Straßenkampf fahren müssen, ich würde die Bullet wählen. (Muss ich aber glücklicherweise nicht.)

*So die offizielle Ansage von Royal Enfield.

**Siehe dazu den lesenswerten Beitrag in der FAZ von Walter Wille vom 21.06.19: Scheuer, bleiben Sie dran! [aufg. am 08.07.19].

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11 Comments

  1. Danke Chimp,
    mit deiner Aussage: Übrigens ist es mittlerweile rebellisch, langsam zu fahren und sich nicht an die allgemeine Fließgeschwindigkeit anzupassen,
    rückst du mein Weltbild zurecht. Oft schon habe ich innerlich, die Sonntags fahrende Senioren Fraktion verflucht, nun weiß ich das sind alles renitente Rentner und werde denen gelassener begegnen. Sind die vielleicht sogar die Speerspitze der kommenden Revolution?
    Viva la Rebelion und LIEBEn Gruß
    rudi rüpel

    1. Die 68er kommen bald in das Rollatoralter. Ich glaube, dass die sich dann nicht mehr so leicht in die Altenheime abschieben lassen. Ich bin gespannt, ob da nochmals eine Rebellion auf uns zu kommt.

      Herzlich
      DER HALBHARTE MANN

    2. Nun ja, jetzt wo Du diese Gruppe erwähnst, bin ich mir schon nicht mehr so sicher. 😄
      Ich komme ja aus dem Norden. Am Nord-Ostsee-Kanal sind an Sonntagen die Autos mit weißbeschopften Insassen auf der Parallelstraße gefürchtet. Sobald ein Schiff in Sichtweite ist, ergreift man besser die Flucht. Autofahren und gleichzeitig Schiffe gucken ist eine Fähigkeit, die mit zunehmendem Alter offenbar nachlässt.

      Ergo – am Klavier zu sitzen macht noch keinen Pianisten.

  2. Herzlichen Dank für diesen lesenswerten und scharfsinnigen Text.

    Die Auseinandersetzung damit hat mir Vergnügen bereitet. Und das schöne ist, dass ich mich auf meiner Bullet gar nicht mehr so spiessig fühle. Den Hipstervorwurf, denn ich letztens auf mir sitzen gelassen habe, werde ich nun mit dieser Argumentationshilfe parieren können. Manchmal fehlt mir einfach Schlagfertigkeit. On diesen Momenten wünschte ich mir einen kleinen Gypsy Chimp im Ohr.

    Ich stimme den Aussagen des Textes in allen Punkten zu, bis auf den letzten. Ich glaube ich hätte zuviel Sorge, dass meine Enfield bei so einer Aktion Schaden nehmen könnte. 😀

    Zur Ehrenrettung meines Händlers: Ich glaube nicht, dass er mir etwas verkaufen wollte. Ich durfte mir das Ersatzfahrzeug selber aussuchen. Ich hätte ja auch eine Bullet nehmen können. Es war meine Neugier: mea culpa – durch meine Schuld.

    1. 😄
      Ich wollte übrigens nicht auf ein Händler-Bashing hinaus. Ist ja generell eine feine Sache, andere Motorräder zu testen.

  3. Herrlich!
    Ich habs schon immer geahnt, ich bin eine Revoluzzerin!
    Denn als solche muss man nicht unbedingt langsam fahren, sondern es reicht schon aus, sich an den Zahlencode (Geschwindigkeitsschilder) am Straßenrand zu halten.
    Mit gemütlichen, aber revolutionären ✌️Grüßen, Chris

  4. „Ein sehr fester, ehrlicher Händedruck aus einer anderen Zeit.“

    Was für ein sensationell formulierter Satz. Respekt und Anerkennung dafür!

    Du kommst aus dem Norden und „kurvst“ am schnurgeraden NOK entlang. Ich bin ebenfalls ein Küstenkind, wenn auch den Kindertagen entfleucht. Jedenfalls bist Du herzlich auf einen Becher dampfend heißen Bohnenkaffee eingeladen. Wo am Kanal auch immer …

    1. Danke! Das Angebot nehme ich doch sehr gerne an. Der Kanal liegt in Rufweite – allerdings wohne ich nun schon seit einiger Zeit am südlichen Ende der Republik, aber natürlich bin ich regelmäßig im Norden. Melde mich dann! 😊

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