Motorräder und Autos: wie Katz und Hund (2)

Im Sattel quer durch eines der beliebtesten Motorradreviere zu touren ist eine Sache. Auf der Rückbank eines Mercedes C-Klasse mit Nackenhörnchen eine vollkommen andere.

Kürzlich fuhr ich bei einem sehr liebenswerten Ehepaar im hohen Alter im Auto mit. Ich nenne sie der Einfachheit halber Schmidt. Bei den beiden wirkte alles recht klischeehaft. Zumindest das Auto.

Metallikfarbener Mercedes C-Klasse in taubengrau. Automatik, Nackenhörnchen, Kuschelkissen und Thermoskanne. Sie sind sehr stolz auf diesen Wagen. Auch, weil er ihnen die Mobilität verschafft, die sie ansonsten nicht mehr haben. Die wollen sie so lange genießen, wie es nur eben geht. Unterwegs erzählten sie mir, wie sie sich vor mehr als einem halben Jahrhundert kennengelernt haben.

Nach 20 Minuten hatte ich mich auf das Durch-Die-Gegend-Schaukeln mit 80 km/h Spitzengeschwindigkeit eingependelt. Dabei hat Herr Schmidt mir zuliebe extra auf die Tube gedrückt. Das vermute ich jedenfalls.

Entschleunigung

An Kreuzungen sehr genaues Ausspähen beider Schmidts in wirklich alle Richtungen. Wenn auch nur die schemenhafte Silhouette eines Fahrzeugs am Horizont zu erkennen war, wurde gewartet.

Vor uns ein Traktor. Ich habe kein fotografisches Gedächtnis, aber die Hinterpartie des John Deere, der uns 15 Minuten vor der Nase saß, kann ich noch immer im Detail beschreiben. Auch die anatomische Beschaffenheit der Wadenmuskulatur eines offensichtlich passionierten Rennradfahrers. Es hätte eine außergewöhnlich beschauliche Fahrt werden können. Wären wir nicht in der Eifel unterwegs gewesen.

Da saß ich also auf dem Rücksitz, während uns wie aus dem Nichts Motorräder in Kolonne überholten. Aus meiner Sicht war alles im Rahmen. Abstände in Ordnung, Distanzen korrekt eingeschätzt, Überholvorgang schnell abgeschlossen, indem im richtigen Moment aufgedreht wurde.

Normalerweise hätte sich bei mir Wehmut geregt, wären da nicht die Schmidts gewesen. Denn auf dem vorderen Rang machte sich Entsetzen breit. Wetzte ein Motorrad an uns vorbei, kam ein obligatorisches „Oh Gottogott“ von rechts, gefolgt von einem „Ja, spinnen die denn alle?!“ von links.

Stress

Der Stresspegel stieg, die Geschwindigkeit sank und Schmidt lenkte uns bedrohlich nah an den rechten Fahrbahnrand. Die Folge? Noch mehr Überholer, von denen einige mit dem rechten Bein wedelten. Die Schmidts fanden das obszön und vermuteten Beleidigungen.

Ich versuchte zu vermitteln und zu erklären. Was halbwegs gelang. Und die Schmidts fanden ihren Humor wieder. Die beiden sind damit keineswegs Fans der Motorradwelt geworden. Aber Sie wissen nun immerhin, was ein ausgestrecktes Motorradfahrerbein bedeutet. Ein Schritt zu besserer Verständigung ist getan.

Liebe Freunde, wenn Ihr den beiden begegnet, seid doch bitte nett zu ihnen. Mir würde es sehr leidtun, wenn dieser zarte Ansatz derzeit seltener Empathie nicht Wurzeln schlagen wollte.

Siehe auch Wie Katz und Hund (1)

Zum Inhaltsverzeichnis.

2 Comments

  1. Lieber Gypsy Chimp, du hast hier einen sehr interessanten Perspektivenwechsel eingenommen. Und das so anschaulich, als ob man selber dabei wäre. Das Thema ist zeitlos: Eigentlich geht es ja um die Diskrepanz zwischen Jugend und Alter. Jeder hat seine Daseinsberechtigung und das Recht auf Freude am Leben. Das kann zu Konflikten kommen. Da ist ganz viel Toleranz gefragt. Vielleicht werden wir alle mal zu „Schmidts“.

  2. Sehr gut geschrieben! Und die Aufklärung mit dem „Bein Wedler“ ist auch wichtig! Ich persönlich hab da jedes mal so meine Zweifel, ob das richtig verstanden wird. Ich hoffe aber immer auf das Beste 🙂

    Reine Autofahrer können das „Überholpotential“ von Motorrädern oft nur schwer einschätzen. Was mit dem Auto Grenzwertig wäre, geht mit einem entsprechenden Motorrad locker und sicher von der Hand.

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