Bulgarien

Manchmal reagiere ich einfach sehr deutsch. Also hölzern. Beispielsweise in Bulgarien.

[Bild: Bulgarien | motorradblog.de]

Der Grenzübertritt nach Bulgarien wirft uns in eine andere Welt. Dieser erste Eindruck entsteht vor allem durch die kyrillische Schrift. Orientierung fällt nun schwerer. Es liegt aber auch an den vielen Plattenbauten, an den, wenn überhaupt vorhanden, eigenwilligen Straßenmarkierungen und insgesamt an dem ausgewaschenen Charme sozialistischer Architektur in den Städten. Unser erster Stopp ist Vida, eine kleine Stadt an der Donau direkt hinter der Grenze.

Wir finden ein preisgünstiges Hotel. Ohnehin erscheint mit jedem Kilometer, den wir uns weiter gen Süden bewegen, alles preisgünstiger zu werden. In dem Hotel trägt man sich noch schriftlich ein, wenn man das Haus verlässt oder wieder betritt.

Es muss irgendwann zu Beginn der 80er Jahre der letzte Schrei gewesen sein. Wenn die Besitzer noch eine Weile durchhalten, wird es, den Vintage- und Retro-Regeln folgend, bald wohl wieder in sein. Alles riecht intensiv nach Waschmittel. Nur die wackelige Fahrt im blankgewienerten Fahrstuhl verunsichert ein wenig.

Ich habe hin- und herüberlegt, wie ich die Dame beschreibe, die uns am Empfang unter ihre Fittiche nimmt. „Rezeptionistin“ erscheint mir zu technisch, „Empfangsdame“ zu einseitig, „Servicepersonal“ zu platt, „Mutter für Alles“ zu anbiedernd. Concierge gefällt mir hingegen gut.

Wir sprechen keine gemeinsame Sprache. Touristen aus dem Westen scheinen (noch) selten zu sein. Dennoch meistert sie die Kommunikation mit einer Mischung aus pfiffiger Improvisation und resoluter Agilität. Sofort erfasst sie, dass uns ein sicherer Platz für die beladenen Motorräder wichtig ist. Die Lösung ist der Hauswart, der die Nacht über in der Lobby Wache schieben wird.

Wir schlendern an der Flusspromenade entlang. Aus einem Lokal dringt Livemusik. Piano, Gesang, Schlagzeug. Und tatsächlich wird getanzt. Klassisch, eng, Arm in Arm, umschlungen.

Am nächsten Tag folgen wir der serbischen Grenze durch die ländlichen Striche des Landes. Auch hier, wie in Rumänien, junge Frauen und Männer, die auf kolossal betagten Treckern und Landmaschinen, die ich teilweise noch nie zuvor gesehen habe, die Ernte einholen.

Was uns an Bulgarien sofort gefällt sind die vielen Brunnen mit glasklarem, eiskalten Wasser. Es ist so heiß, dass wir uns regelmäßig in voller Montur übergießen. Aber im Nu ist es wieder verdunstet. Hinsichtlich der Straßen sind wir ein wenig enttäuscht. Sie sind nämlich weitgehend, für uns überraschend, gut ausgebaut. Beinahe fühlen wir uns um einen wichtigen Abenteuereffekt betrogen.

Die Halte in den Dörfern gestalten sich allerdings lebendiger als noch in Ungarn. Frauen in bunten Gewändern umringen uns. Wir versuchen es mit Französisch und siehe da, eine Verständigung gelingt. Zumindest in Teilen. Ab und zu entdecken wir sogar Restaurants, die mit hervorragendem Essen glänzen. Mein Favorit: Tarator. Eine kalte Suppe aus Gurken, Joghurt, Knoblauch und Gewürzen. Alleine dafür gebe ich Bulgarien fünf Sterne.

An einer Tankstelle suchen wir Schatten. Verschwitzt, verstaubt, müde sitzen wir am Rand und sind zu nicht mehr in der Lage, als zu schweigen. Bis uns ein Mann aus unserer vorübergehenden Lethargie weckt. Ob wir bei ihm essen wollen. Er habe mal in Deutschland gearbeitet und wohne nur fünf Kilometer entfernt.

Wir reagieren deutsch. Also mit sprödem, ungelenkem Misstrauen. Verunsichert von der spontanen Gastfreundlichkeit – und auch zu müde, um uns auf die Situation einzulassen – lehnen wir ab. Jetzt, im Nachhinein, bedaure ich das.

Am Rande der schmalen Landstraßen sammeln sich Schwärme von Staren auf den Äckern, fliegen in dichten Wolken auf, drehen sich wie Windhosen in den Himmel, fegen wie Herbstlaub im Sturm über die Landschaft und fallen dann wie Sand im Stundenglas hinunter. Manchmal über- und umfliegen sie uns sogar mit nur wenigen Metern Abstand. Gerade so, als gehörten wir dazu. Ein schöner Abschiedsgruß. Denn nah vor uns liegt Nordmazedoniens Grenze.

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