Inkognito

Woran sind Motorradfahrer zu erkennen, wenn sie mal keinen Helm und Kombi tragen? Beispielsweise an Tagesfliegen im Gesicht und vielleicht auch Blasenschwäche. Ein paar Beobachtungen.

[Hier ist eigentlich ein Bild: Eine Motorradfahrerin in voller Montur mit Helm, die auf einem Kamel in Nordafrika sitzt.]

Schon mal erlebt? Du bist mit dem Auto unterwegs, vielleicht auf einer längeren Strecke, die Gedanken schweifen ab und dann, wenn ein Motorrad entgegenkommt, zuckt die Grußhand wie von selbst.

 Mir passiert das gern auch auf dem Fahrrad. Der Blick schweift in den ersten 15 Minuten in Richtung der nicht vorhandenen Rückspiegel, während sich mein Geist vor Kurven auf Schräglage einstellt. Die dann aber naturgemäß nicht notwendig ist. Meine Frau hat mal nahezu einen Highsider vollbracht, da sie gedankenverloren und gewohnt kräftig an der vermeintlichen Kupplung, tatsächlich aber Vorderradbremse zog.

Als Motorradfahrer entwickelt man einen spezifischen Habitus. Gewohnheiten schleifen sich ein, werden zum Teil des Selbst. Der weit vorausschauende Blick im Straßenverkehr gehört dazu. Ich bin davon überzeugt, dass Motorradfahrer meist aufmerksamer fahren als andere Verkehrsteilnehmer. Und sie verhalten sich im Auto gegenüber anderen Zweirädern zuvorkommender (Lücke im Stau öffnen, überholen lassen, Abstand, einfädeln lassen usw.).

„Oh! Ein Motorrad!“

Ich bin mir sicher, dass Motorradfahrer selbst dann noch zu erkennen sind, wenn sie mal nicht mit Maschine, Helm und Protektoren unterwegs sind. Eine der wesentlichen Gemeinsamkeiten ist wohl das Interesse an anderen Motorrädern.

In einem unserer Nachbarorte gibt es im Zentrum eine hervorragende Eisdiele, die im Sommer sehr gut besucht ist. Letztlich könnte so gut wie jeder Gast Motorrad fahren. Ob aber jemand tatsächlich dazu gehört, ist leicht zu erkennen. Immer dann, wenn das unzweifelhafte Gebrummel zu vernehmen ist, teilt sich die Gruppe der Gäste in zwei Lager auf. Diejenigen, die weiterlöffeln. Und diejenigen, die wie aufgeschreckte Erdmännchen die Köpfe heben.

Der Ampelblick

Dann wäre da noch das, was man als Ampelblick bezeichnen könnte. Den ich bislang aber nur bei Männern wahrgenommen habe. Ein Motorrad steht also an der Ampel und Zeitgenossen flanieren vorbei. Unter ihnen, sagen wir mal, ein Paar mittleren Alters, vielleicht mit Kindern, vielleicht auch ohne. Das spielt eigentlich keine Rolle. Und dann löst sich sein Blick von ihr, von den Kindern, vom Handy oder von was auch immer gerade die Aufmerksamkeit gebunden hat, hin zum wartenden Motorrad.

Ich meine dann meist Sehnsucht zu erkennen. Danach, jetzt selbst am Gasgriff zu drehen, einfach los, wohin einen die Straße eben führt. Hier die Motorradfahrer von den Träumern zu unterscheiden, ist schwierig.

Meine These lautet, dass Motorradfahrer eher Interesse an Details zeigen. Zylinderzahl, mutmaßlicher Hubraum, Reifen, Umbauten usw. Träumer bleiben beim Gesamteindruck aus dem Ensemble von Fahrer und Maschine.

Weitere Erkennungsmerkmale

Es gibt noch weitere Erkennungsmerkmale. Die weitaus profaner und teilweise wenig vorteilhaft sind. Am ölverschmierten linken Turnschuh. An der Helmfrisur. Der Falte quer über Nase und Wangen vom eben abgenommenen Halstuch. Oder an zwei, drei zerquetschten Tagesfliegen im Gesicht.

Im Übrigen sehen frisch angekommene Motorradfahrer normalerweise ein wenig zerknautscht und derangiert aus. Die Dauer des Effekts scheint altersbedingt abhängig zu sein. Was womöglich ein Grund für die weniger stark ausgeprägte Selfie-Kultur ist. Und zwar ohne Helm! Nach der Fahrt!

Die fehlende Bräune ist noch zu nennen. Wer einer Gruppe gutgelaunten und, Gesichtspartie ausgenommen, ansonsten aber sehr blassen Urlaubern mit hervorragenden Ortskenntnissen auf, nur um irgendeinen Ort zu nennen, Kreta im Hochsommer begegnet, der hat es mit hoher Wahrscheinlichkeit mit Motorradreisenden zu tun.

Schließlich gibt es noch Dinge, die wir vielleicht alle gar nicht so genau wissen wollen. Beispielsweise sollen, so wird jedenfalls gemunkelt, eingefleischte Fans von Ape-Lenker und Chopper-Pose ab einer gewissen Zahl an Betriebsstunden aufgrund des stetigen Windzugs mit Blasenschwäche zu kämpfen haben.

Aber lassen wir das Thema jetzt.

Zum Inhaltsverzeichnis.

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