Die Frau auf der Leitplanke

Albanien lohnt. Und damit ist immerhin schon mal das Wichtigste, lange aber nicht alles gesagt. Von dem, was mir nicht aus dem Kopf geht, will ich hier berichten.

Ich habe wenig Freude daran, zusammenhängend eine Tour zu beschreiben. Oder auf der Tour gar täglich über Einzeletappen zu berichten. In Albanien sind es ohnehin eher Episoden, die mich faszinierten und die sich nur schwer in einen einzelnen Text pressen lassen.

Es wäre zu erzählen von Pferdegespannen, einer mörderischen Fahrt mit einem Einheimischen durch die Schlammpiste inmitten einer Stadt, einem sehr merkwürdigen Abendessen, sehr vielen Hunden, Freundlichkeit, Piraten, einer interessanten Gebührenordnung beim Parken und vielem anderen mehr.

Flüchtig vorbei und doch Mittendrin

Jetzt aber, mit gehörigem zeitlichem Abstand, ist es vor allem ein Erlebnis, das mir immer wieder in den Sinn kommt und das sich langsam zu einer mit Albanien fest verwobenen Erinnerung formt. Es ist eine dieser Momentaufnahmen, die so typisch sind fürs Reisen mit dem Motorrad. Als flüchtiger Beobachter reicht es meist nur für oberflächliche Annäherungen. Und doch sind wir Motorradfahrer immer Mittendrin.

In diesem Fall sind wir ausnahmsweise auf einer der sehr gut ausgebauten Straßen im Landesinneren unterwegs. Bäume, grüne Landschaft, dazwischen immer wieder Dörfer und kleine Weiler. Mit einem Mal öffnet sich die Sicht auf eine in einem weiten Tal liegende Stadt, die wir nur an der äußersten, hügeligen und erhobenen Peripherie streifen.

Diese Randzone besteht aus einer Ansiedlung von Häusern, teilweise Baracken. Auf den Wegen und Freiflächen Berge von Müll. Wie ein erhöhter Zuschauerrang zieht sich die hervorragende Straße über die Köpfe der Bewohner hinweg.

Nur eine junge Frau ist heraufgestiegen und sitzt nun auf der Leitplanke mit dem Rücken zum wie unbeteiligt vorbeirauschenden Verkehr, zu dem auch wir gehören. Während wir ungläubig hinunterschauen, ist ihr Blick aber auf etwas Anderes gerichtet. Den Horizont.

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4 Comments

  1. Lieber Gipsy Chimp,
    diese „Blitzlichter“ sind eine interessante, individuelle Rückschau auf Deine Reisen! Viel eindinglicher als die Aneinanderreihung von Streckenbeschreibungen. Man kann sich deine erlebte Situation sehr gut vorstellen!

    1. Ja, Piraten. Oder moderne Freibeuter. Wer mir mit rotem Kopftuch, blitzenden Augen, strahlendem Lächeln und der sympathischen Cleverness eines Bartholomew Rogers das Geld mit Klugheit aus der Tasche zieht, ist in meiner Welt Pirat. 😉

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