Bye bye R45

Der Check der BMW R45 ergibt: entweder richtig viel Geld reinstecken. Oder verkaufen.

[Bild: BMW R45 | motorradblog.de]

Genau wie Bryno brauche ich für die Entscheidung Zeit. Viel Zeit. Vier Monate schiebe ich es vor mir her.

Auch, da sie ein wenig Familiengeschichte symbolisiert. Sie ist ein Geschenk des Mannes meiner Mutter, der sich sehr spät doch noch den großen Traum von damals erfüllte: mal auf einer großen BMW fahren! Aber ein paar Ausflüge reichten ihm. Und so ging sie in meinen Besitz über. Allein aus diesem Grund müsste ich sie in einer vakuumversiegelten Glasvitrine in unserem Wohnzimmer ausstellen. Allerdings mag ich keine Glasvitrinen. Im Wohnzimmer wäre ohnehin kein Platz.

No-Nonsense

Aber diese rote Maschine, elefantenschwer und langsam, mit zweifelhaften Designelementen wie der Prallplatte in schlecht imitiertem aber unverwüstlichem Lederimitat aus Kunststoff, dem Stummellenker und bei 27 PS und 200 kg Leergewicht erstaunlichen 140 km/h Spitzengeschwindigkeit, die man besser nicht ausreizt, dem eigenwilligen Getriebe, der Schramme vom glimpflich ausgegangenen Lowsider und dem gutmütigen Brummeln – diese Maschine hat sich tief in mein Herz eingegraben.

Immer wieder tigere ich um den stillen und noch immer liebenswerten Stahlhaufen. Je nach Tagesform komme ich zu einem anderen Entschluss. Den ich kurz darauf wieder über den Haufen werfe. Jedoch kann ich langandauernde Unentschlossenheit nicht ausstehen. Und so wandelt sich die R45 langsam zu einem Klotz, der sich dunkel vor meine Gedanken schiebt.

Das hat sie nicht verdient. Sie einfach an irgendjemanden zu verhökern, der daraus ein Show-Scrambler-Projekt macht, aber auch nicht. Denn sie ist eines der selten gewordenen No-Nonsense-Motorräder par excellence.

Joppi

Ich gebe sie erst einmal zu Joppi. Joppi ist in meinem Motorraduniversum so etwas wie höchstrichterliche Instanz, göttliches Schraubergebot, Retter und Werkstatt in einem. Ihm und seinem Urteil gilt mein uneingeschränktes Vertrauen.

Joppis Bilanz fällt aber nicht besser aus. Im Gegenteil. Deshalb bleibt die R45 zunächst einmal bei ihm. Weiteres vor mir Herschieben. Eines Nachmittags, unvermeidlich, Joppis Anruf. „Komm mal vorbei. Wir müssen reden.“

Mein schlechtes Gewissen meldet sich. In Joppis kleiner Werkstatt herrscht chronischer Platzmangel. Mein Häufchen rote Immobilie wird da erst recht zur lästigen Blockade. Aber glücklicherweise hat er längst einen Plan ausgetüftelt. Er will sie übernehmen, reparieren, auch die kleineren Schäden beheben und auf 800cc aufbohren, um sie wieder zu verkaufen.

Ich kann mir bei Joppi sicher sein, dass er einem etwas altmodisch scheinenden und mir deshalb besonders sympathischen Schrauberehrenkodex folgt. Die Maschine wird nicht an irgendjemanden weitergegeben. Ich schlage ein.

Als ich hinausgehe, muss ich an der R45 vorbei. Sie gehört jetzt nicht mehr mir. Das tut ein wenig weh. Und deshalb entsinne ich mich eines weisen Wortes meiner ehrwürdigen Urgroßmutter. Nach einem Abschied sollte man sich nicht mehr umdrehen. Und das tue ich auch nicht. Aber die guten Erinnerungen, die nehme ich mit.

Zum Inhaltsverzeichnis.

2 Comments

  1. Ja, man darf nicht zurückblicken und durch diesen Beitrag, habe ich dann doch getan. Mein erstes richtiges Motorrad war eine schwarze BMW R45 und was habe ich mit ihr alles erlebt. Unvergessen, wie mir mitten in Lissabon das zu schwere Topcase mit dem Gepäckträger weggekracht ist. Oder der Motorradunfall in Frankreich. Mangels Geld und Krankenversicherung (ich war jung und unvernünftig) habe ich mir die Fraktur an der Hand selbständig mit einem Baguette geschient. Oder diese scharfe Blondine vor dem Café. Ich hatte mir schnell meinen tollen Halbschalenhelm von zu Hause geholt und bin dann extra lässig vom Motorrad gestiegen. Leider hat es nicht so geklappt und ich bin samt Maschiene umgekippt. Unter dem lauten Gelächter der Kaffeetrinkenden musste man mich von dem schweren Ding befreien. Oh, wie war mir das peinlich. Mein Bruder hat dann die gute R45 zu Schrott gefahren und es tut mir heute noch weh. Aber wie deine Grossmutter weise sagte: Nicht zurück blicken. Die schönen Erinnerungen, die bleiben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.