Typologien: junges Gemüse

Sieht man dem Motorrad das Alter des Fahrers an? Anscheinend ja.

[Bild: junges Gemüse | motorradblog.de]

Vor irgendeinem Motorradgeschäft kam ich mal ins Gespräch mit einem jungen Paar. Wir unterhielten uns über die unterschiedlichen Vorlieben junger und alter Motorradfahrer. Da tat es mir ja doch ein wenig weh, als meine BMW 800GS wie nebenbei als „Altherrenmotorrad“ bezeichnet wurde.

Mein Gegenargument, dass man mit Mitte 40 zumindest medizinisch nicht als alt gilt, ist für jemanden Mitte 20 verständlicherweise nicht plausibel. Darum habe ich es auch gar nicht erst eingebracht. Aber getroffen hat mich, mein Motorrad, wenn auch sehr freundlich, als Seniorenvehikel eingeordnet zu wissen.

Formel zur Altersbestimmung

Zwischen den Zeilen habe ich jedenfalls folgende Gleichung herausgehört:

Alter des Fahrers = Motorradpreis + Sitzhaltung + Zubehör (Griffheizung, Nebelscheinwerfer etc. )

Die Rechnung geht nicht immer auf, in der Tendenz trifft sie aber wohl zu. Es ist offensichtlich, dass die Mehrzahl der jüngeren Leute andere Motorräder bevorzugt als ältere Fahrer. Ganz oben in der Beliebtheitsskala rangiert alles, was sportlich ist. Oder zumindest so wirkt. Mit Schnelligkeit, hohen Beschleunigungswerten und Agilität kann man offenbar punkten. „Gemütlichkeit“, „entspanntes Fahren“ oder „Cruisen“ zählen nicht zu den prioritären Attraktivitätsmerkmalen der jungen Mehrheit.

Umsatteln ist eine Frage der Zeit

Ich nehme aber an, dass sich die Vorlieben ganz ähnlich wandeln, wie beispielsweise in der Mode oder in der Sprache. Hier sind die symbolischen Übergänge zwischen „jung“ und „alt“ mittlerweile fließend und nicht mehr so scharf abgegrenzt.

Beim Motorradfahren schlägt aber irgendwann die biologisch bedingte Auslese zu. Ab einem gewissen Alter ist es nun mal vorbei mit gebückter Haltung. Und die Blöße, nicht mehr vom Motorrad absteigen zu können, weil es zu sehr schmerzt, will sich wirklich keiner geben. Dann muss sprichwörtlich umgesattelt werden.

Dieser Zeitpunkt ist mittlerweile aber keineswegs fix. Ich kenne einige Motorradfahrer weit jenseits der 70, die mehrere hundert Kilometer am Stück nach wie vor mit einem Lächeln abreißen, während 40 Jahre jüngere Fahrer schon nach zwei Stunden den nächsten Besuch beim Osteopathen buchen.

Das einzige Attribut, dass die ältere Fraktion nicht für sich beanspruchen kann, lautet „sexy“. Und vielleicht verläuft hier die letzte deutliche Abgrenzungslinie zwischen Jung und Alt.

5 Comments

  1. sexyness – auch von älteren semestern – entsteht praktisch ganz von selbst, wenn habitus und gerät stilistisch zur deckung kommen. die gereifte physis des fahrers, der darin mitfahrende verstand, die gesammelte erfahrung finden ihren ausdruck in einem durch respektvolle, langdauernde benutzung patinierten fahrzeug und einem authentisch angeschlissenen kleidungsstil. all das erzählt von bestandenen abenteuern, von denen junge menschen nur noch träumen können. die kulissen vor und in denen diese eskapaden erlebt wurden, existieren längst nicht mehr, die bedingungen unter denen sei möglich waren, sind geschichte(n). wer augen hat zu sehen und ohren hat zu hören, der/ die wird sich dem ästhetischen totalerlebnis eins reifen motorrades (oder auch automobils) nicht verschließen können und angesichts des konzerts sinnträchtig ineinander greifender bauteile milde erschaudern. lass die youngsters auf krachbunten maschinen davonsägen. uns trennen zeiten und räume.
    PS.: analoges gilt übrigens auch für gepflegte, alte werkzeuge und küchengeräte. ;8)

  2. Ich bin seit je her mit Altherrenmotorrädern gefahren: BMW R45, BMW GS80, BMW R80 mit Vollverkleidung, Enfield Bullet und Royal Enfield. Ich glaub so richtig sexy habe ich damals auch nicht ausgesehen. For ever old möchte man meinen. Stimmt aber nicht, denn ich wirke immer jünger als ich bin. 🙂

    Ach ja, wie will man auf einer BMW GS80 sexy aussehen? Das hatte nicht einmal Götz George in seinen besten Jahren geschaft. Damals, als er mit so einer Maschiene durch einen Tatort bretterte.

  3. DANKE für diesen Beitrag, der zunächst für ein breites Grinsen und weiterhin für anhaltendes Schmunzeln sorgte…
    apropos Alter:

    Letztes Jahr war ich im schönen Oberösterreich unterwegs, Innviertel, Richtung Hausruck. Traumstrecken, wenig Verkehr, Natur pur. Meine Z900 nach der Einfahrphase flott unterwegs, lange Gerade durch den Wald bevor die geile Kurvenkombi kommt-
    da seh ich es kurz blinken, das muß ein Zielfernrohr sein…
    Ich natürlich sofort fast legal unterwegs, was der Eleganz österreichischer Polizeiuniformen keinen Abbruch tut-
    freundlich aber bestimmt die Geste zum Boxenstop…
    „Woarn ma a bissal schnö untawegs? Motor aus, Hölm obe, die Papiere, bitte!“
    Sein Kollege verpackt das Zielfernrohr ohne Schußapparat gerade in eine Kiste, Stativ liegt schon zusammengeschoben daneben- das war keine reguläre Messung mehr, denk ich mir noch…

    Ich also vom Bock runter, Handschuhe ausgezogen, Helm runter und die Sturmhaube-
    „Oida!“ entfährt es dem Beamten, der nicht viel älter als meine Enkeltochter sein kann…

    Dieses ‚Oida!‘ war nicht respektlos, eher ein leicht ‚Verdutztes‘ ^^

    „Wissens, wia schnö das gfoan san?“
    „Na“
    „Z’schnö! Vui z’schnö!“
    „Wirklich? Kann ich mir garnicht vorstellen, wissens, die Maschine ist neu, die Gegend für mich auch, bin eigentlich Genussfahrer und wieso müssen Sie bei dem Kaiserwetter hier draußen…“

    Der Kollege schaut sich mein Moped genauer an, Reifen sind neu, Umbauten haben ne E-Nummer und der Akra erfüllt die Euro4 und ist ein Originalteil von Kawa, alles gut hoffe ich.
    Der Kollege ist eher im Alter meines Sohnes, ebenso leicht übergewichtig und vom Typ her einer, dem man gern beim Heurigen zuprostet.
    Jedenfalls ist er Truppführer.
    Schaut sich meinen Führerschein an, dann auch mich etwas genauer und meint:
    „Moanst ned, dasd a wengal langsamer doa soidsd? Do guit a Hunderter, hearst?“
    ich: „jo eh!“
    er: „schleich di! Owa gmiatle, hearst?“

    im Rückspiegel seh ich nur noch, wie er den Kopf schüttelt und zur Kiste geht, vielleicht hams jetzad Feierabend de Kiwara.

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