Typologien: der unfreiwillige Hipster

Stell Dir vor, Du wachst auf und liegst im Trend.

Ein guter Freund fährt eine 1991 gebaute BMW R 80 GS. Seine erste und einzige Maschine. Damals, so erzählt er, hochmodern. In seinem Freundes- und Bekanntenkreis schüttelte man angesichts von so viel Technik und der eckigen Designsprache den Kopf. Ein richtiges Motorrad sei das ja nicht. Hässlich sei sie auch.

Das hat ihn nie gestört. Denn Modetrends interessieren ihn nicht die Bohne. Als radikaler Individualist hat er eine regelrechte Abneigung gegen alles, was besonders angesagt zu sein scheint. Zudem konnte er von Anfang an getrost den Schlüssel stecken lassen. Geklaut wurde sein hässliches Entlein nicht.

Customized? Nun ja …

Die Verkleidung verlor er auf einer Europatour in Griechenland Mitte der 90er Jahre während einer Rutschpartie in den Bergen. Den Großteil des Motorrads fing eine Leitplanke auf. Die Verkleidung liegt vielleicht heute noch am Fuße des Berges herum. Ersetzt hat er sie nie.

Der Scheinwerfer wurde pragmatisch durch einen anderen, runden ersetzt, der Tank schnell und wenig fachmännisch in matten Farben lackiert, die Blinker, da gerade zur Hand, einer schrottreifen Harley angeschraubt. Fertig.

Schrammen an Maschine und Bein erinnern noch heute an das unfreiwillige Customizing. Leder und Jeans waren statt hochfunktionaler High-Tech-Schutzkleidung erste Wahl. Dazu, da er es luftig mag, irgendeine Halbschale. Daran hat er bis heute nichts geändert. Und war’s bislang zufrieden.

Unmut

Nun aber regt sich bei ihm Unmut. Wie aus heiterem Himmel bilden sich Bewunderer um seine Maschine. Leser von Crafting-Büchern wollen fachsimpeln. Tätowierte Bärtige in Anzug und Baumwollsocken auf dem Retrotrip heben anerkennend den Daumen. Machen sogar Kaufangebote mit Beträgen jenseits der Vernunftgrenze.

Und eines Tages, als er so durch die Gegend fährt und an einer Ampel sein Spiegelbild in einer Schaufensterscheibe betrachtet, wird ihm klar: er sieht aus wie das Klischee eines Hipsters. Als Konsequenz gönnt er sich nun ausnehmend sorgfältige Rasuren. Und wartet darauf, dass auch dieser „subkulturelle Schluckauf“ an ihm und seinem Motorrad vorbeizieht.

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5 Comments

  1. Der arme Kerl: Aus Versehen zum Prototypen eines Hipsters geworden 😂. Aber wer schon so lange durch sein Selbstbewusstsein alle Kommentare der Anderen abgewettert hat, hält auch so was aus. Locker.

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