Streetfighter

Böse Jungs fahren böse Motorräder. Das Vorurteil war irgendwo in meinem Kategoriensystem abgespeichert. Wie sicherlich weiterer, noch zu entdeckender Blödsinn.

[Bild: Streetfighter | motorradblog.de]

Meine Erfahrung hat mich jedenfalls eines Besseren belehrt. Irgendwo im Pott bin ich zum ersten Mal einem Streetfighter begegnet. Auftritt und Maschine des Fahrers erweckten nicht den Anschein, als wäre da jemand an sozialem Austausch interessiert. Außerordentlich ernster Gesichtsausdruck und Jackenknöpfchen in Handgranatenform.

Aber Neugierde siegt. Wir haben eine ganze Weile miteinander gequatscht und für mich gab es spannende Einblicke in eine Szene, die mir bis dahin vollkommen fremd war.

Downsizing

Downsizing ist der erste Schritt. Man nehme ein Superbike oder einen Supersportler und entferne die Verpackung. Dann kommen die Feinheiten. Finsteres Konterfei, nach oben gerecktes Stummelheck, Upside-Down-Gabel, breiterer Lenker, Modifikation des Motors und vieles andere mehr.

Der Ansatz erinnert an die Café-Racer-Kultur der 1960er Jahre. Seinerzeit beim Ottonormalbürger ebenfalls als böse Jungs eingeordnet. Mit dem Unterschied, dass Rennen in der Szene der Streetfighter eine im Vergleich untergeordnete Rolle spielen. Denn dann darf kein Gramm zu viel auf den Rippen sein.

Zwischen Geisterbahn und Endzeitstimmung

Wer aber in der Fighter-Szene etwas auf sich hält, bastelt an seinem Gefährt so lange herum, bis alle anderen Motorräder auf dem Parkplatz wirken wie Knuddeltierchen aus der Kindergartenkuschelecke. Da darf um des Eindrucks willen auch mal Stahl verbaut werden. Hauptsache grimmig. Der Auftritt changiert zwischen Geisterbahn und Endzeitstimmung.

Ich wurde zu einem Treffen eingeladen und bin natürlich hin. Mein Eindruck? Als würde man sich direkt nach der Apokalypse zum Grillabend treffen. Alles ein wenig wie bei den Smokers in Waterworld. Nur glücklicherweise ohne den überdrehten Humor.

Die Geburtsstunde der Szene fällt übrigens in eine Zeit, in der besonders viele Endzeitfilme gedreht wurden. Ende der 80er und in den 90ern konnte man mit Dystopien und Popcorn hervorragend Geld verdienen. Vielleicht ist es also kein Zufall, dass hier auch die Geburtsstunde der Streetfighter liegt.

Eine weitere Parallele zu Café-Racern: Geburtsort ist England. Das gleichnamige Videospiel, die schläfenergraute Leserschaft erinnert sich, kam übrigens 1987 auf den Markt und scheint sich bis heute genauso wie die Motorradsubkultur zu halten.

Gemeinsam ist Café-Racern und Streetfightern auch, dass einige ausgewählte Innovationen und Stilmerkmale Eingang in die Serienproduktion manchen Modells von Buell, Ducati, Triumph und anderen Herstellern gefunden haben.

Am Ende des Tages: Motorradfahrer unter sich

Aber zurück zu dem Treffen. Es wurden ein paar Donuts gefahren (auch mit brennenden Reifen), es gab eine beeindruckende Stunt-Show und eine Customizer-Meile. Vom Prinzip her also nah dran an den zahmeren BMW-Days in Garmisch-Partenkirchen. (Ich hoffe, die eingefleischten Fans beider Seiten vergeben mir den Vergleich). Nur nicht so bayerisch-krachert.

Und wie es halt bei solchen großen Treffen ist. Schlussendlich sitzen Motorradfahrer zusammen und haben eine gute Zeit. Ob man dann gekleidet ist wie ein englischer Lord oder eine Kutte mit Schlagringsymbolik trägt, spielt keine Rolle.

Eines fiel aber auf (und ich habe es mir nicht nehmen lassen, nachzufragen): Klamotten von Louis waren nicht dabei.*

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3 Comments

  1. Über Geschmack lässt sich ja bekanntlich trefflich zanken, besonders wenn es um Umbauten oder Veränderungen an Motorrädern geht, wobei der handwerkliche Aspekt nicht unerheblich ist. Wer Spaß und Freude daran hat, soll sich nach Herzenslust austoben, solange physikalische Naturgesetzte und Sicherheit angemessen Berücksichtigung finden. Allerdings erschließt sich mir überhaupt nicht, warum gar nicht wenige der sogenannten Streetfighter in Ortschaften oder an bekannten Motorradtreffpunkten die Drehzahlen bis zum klagend einsetzenden Begrenzer in die Höhe katapultieren, um danach mit geschicktem Kill-Schalter-Einsatz ohrenbetäubende Fehlzündungen zu produzieren. Hier kommt mir der Hinweis auf den Klappspaten von X_Fish gerade recht – dann jedoch mit der Gewissheit, ein solcher sitzt auf dem Motorrad.

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