Spott zum Saisonende

Motorradfahrer sind hart im Nehmen. Oder auch nicht. Denn manchmal rächt sich das Karma.

[Hier ist eigentlich ein Bild: Ein Motorradhelm und eine Wärmflasche, die auf einem Stuhl liegen.]

Ich muss ein Geständnis ablegen. Ich habe das, was langläufig als Hexenschuss bezeichnet wird. Ich bin selbst schuld daran. Eigentlich wollte ich es als gänzlich unheroisches Kapitel meiner Motorradhistorie stillschweigend unter den Tisch fallen lassen. Denn bis vor zwei Tagen habe ich mir sehr darin gefallen, das Saisonende zu ignorieren.

„Zu kalt?! Wie kommen Sie darauf?“

Auch, weil es einfach zu schön ist, von fröstelnden Autofahrern ungläubig gefragt zu werden, ob es nicht eigentlich viel zu kalt sei. Um dann zutiefst erstaunt mit prüfendem Blick die Witterung abzuschätzen, von idealen Bedingungen daherzufaseln und, bei besonders Gutgläubigen, von der besonderen Wetterfestigkeit zu sprechen, die Motorradfahrer im Allgemeinen hätten.

Selbst die blödeste Floskel lässt sich ungestraft einflechten. „Falsches Wetter gibt es nicht …“ und so.

Im Anschluss heißt es, betont lässig aufzusteigen. Ungefähr so, als stünde man mitten im Hochsommer vor einer Eisdiele in Sizilien. Also Handschuhe verstecken, Schal lockern, Jacke öffnen, vielleicht noch ein „Puh!“ zum Abschied. Und ab. Hinter der nächsten Kurve dann schnell halten, um den Zitterreflex wieder in den Griff zu bekommen.

Hochmut kommt vor dem Fall

Jetzt rächt sich das Karma. Auf der letzten Tour war es wohl doch zu kalt. Eine ganze Weile muss ich ziemlich verkrampft unterwegs gewesen sein, ohne es wirklich zu bemerken. Zwischendurch die übliche Rangiererei, der die sommerliche Eleganz gewiss gefehlt haben wird. Das Ergebnis: Muskelverhärtung und radikale Schmerzen beim Schuhe zubinden.

Zudem kassiere ich nun wohlwollenden Spott und Häme meiner lieben Arbeitskollegen, die gleich eine ganze Liste möglicher Produkte für den insgeheim von Kälte geplagten Motorradfahrer entwickelten. Der elektrisch beheizte, mit Nieten besetzte Nierenwärmer aus Angora mit aufgedrucktem Totenköpfchen stand hoch im Kurs und sorgte für besondere Belustigung am gesamten Mittagstisch.

Aber wisst ihr was? Ich bin mir sicher, dass der sogar gekauft würde. Selbstverständlich heimlich.

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5 Comments

  1. Locker, flockig, authentisch und mit einer guten Portion Selbstironie. Erinnert mich an Wilhelm Buschs „Künstler auf dem hohen Seil“. – Motorradfahren in kalten Zeiten vor allem auch eine Frage der realistischen Selbsteinschätzung.

  2. Wo war der der Nierenwärmer mit Nietenbesatz als man ihn auf dem Motorrad sitzend gebraucht hätte? Lag er im Keller neben der Lederpeitsche und den beplüschten Handschellen? *schauder* 😉

    1. X-Fish, wenn Du 100 vorbestellst, gehen wir glatt in Produktion. Den Bezug zu Lederpeitsche und Handschellen verstehe ich nicht. Aber ich nehme es mal in die Liste „Hat das Potenzial?“ auf.

  3. Hahaha. Wenn man einen Blogbeitrag über sich selbst liest 🙂
    Das alles kommt mir – bis auf die Hexe – bekannt vor. Mir hat die Therme in Bad Homburg geholfen, auch wenn sie nicht so gigantisch ist wie Erding. Und ohne Nieten.

    Schön geschrieben. Es gibt also doch noch genügend Leute, die mit Sprache umgehen und spielen können.
    Freue mich auf mehr :-)))

  4. Wollte nur anmerken, dass ich einige Fälle kenne und den Meinen selbst dazurechne, die allesamt untrüglich beweisen, dass es für einen gemeinen Hexenschuss nicht erst der Nutzung eines Motorrads bedarf … Wünsche freilich weiterhin schmerzfreie Fahrt durch den Winter … Es grüßt der Anton

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