Sons of Anarchy

Die Serie war kürzlich Gegenstand eines kleinen kineastischen Streits im Freundeskreis.

[Bild: Hamlet | motorradblog.de]

Die Frage: handelt es sich um einen Motorradfilm in Serienform? Ich sage nein. Auch wenn in jeder Folge Motorräder auftauchen. In erster Linie Dynas von Harley-Davidson.

Denn ansonsten ähnelt Sons of Anarchy vielen anderen US-amerikanischen Erfolgsserien. Zu Beginn hat es noch seinen eigenen Reiz, in die Welt der kriminellen Rockergang einzutauchen. Denn die Milieuskizze scheint gut getroffen zu sein.

Aber dann geschieht, was auch mit sehr vielen anderen US-Serien geschieht, die mit mehr als einer Staffel aufwarten. Es wird plüschig. Im Vordergrund spult man Versatzstücke aus bewährten Familien- und Liebesdramen ab, würzt ein ganz klein wenig mit moralischem Konformismus und seinem Gegenteil. Dazu eine Prise Sinnfrage.

Austauschbare Kulisse

Wenn der Kameramann einzuschlafen droht, schnell eine Schrecksekunde Action, damit später auch die letzte Couchkartoffel aufwacht. (Das ist dann der Moment, in dem die Zahnpastawerbung eingeblendet wird.) Das eigentliche Thema aber rückt als austauschbare Kulisse in den Hintergrund.

Denn Sons of Anarchy könnte man ab Staffel zwei genauso gut als Western, als Mantel- und Degen- oder als Science-Fiction-Film laufen lassen. Man ziehe den Schauspielern einfach die Kutten aus, streiche das Motorrad und ersetze alles wahlweise durch Schlapphüte, Umhänge oder bunte Spandexanzüge sowie Pferd, Kutsche oder Raumschiff. Selbst ein Ponyhof würde passen.

Wo ist der Praktikant?

Ich stelle mir den Ort des Drehgeschehens in etwa so vor: Die Szenen sind im Kasten und das Ensemble ist fast schon durch die Tür hindurch. Aber das Management, Verwalter von Zahlen, Umsatz, Quoten und Gewinn, also die Götter unserer Zeit, rechnet nach und jammert: „Da fehlen doch aber noch 3 Minuten bis zur Werbepause!“

Man sucht nach dem Praktikanten (dem Romanistikstudenten mit den pfiffigen Ideen). Da er aber nicht aufzufinden ist, nimmt man einfach noch die leicht abgewandelte Liebeszene aus Folge 7, den Beziehungsstreit aus Folge 23 oder auch die Situation, in der der Held über sein als unzulänglich empfundenes Leben monologisiert. Dazu emotional tragende Musikuntermalung.

Sollte man sich alle 92 Folgen ansehen?

Aus betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten ist das sinnvoll. Denn aus dieser Sicht zählt letztlich nur das Verhältnis aus Kosten und Einnahmen. Was erst einmal nichts über die Qualität der Idee aussagt. Denn die ersten Folgen haben ja zweifelsohne ihren Reiz.

Wer sich aber aus verständlichen Gründen nicht durch sämtliche 7 Staffeln mit 92 Folgen kämpfen möchte, sei mitgeteilt (Spoiler!): Du verpasst nichts! Stattdessen kann man sich auch auf die Maschine schwingen, das nächste Theater anfahren und sich das weitaus kürzere Original ansehen: Hamlet

Zum Inhaltsverzeichnis.

7 Comments

    1. Jetzt musste ich lachen! Famos! Mir kamen die Motorräder zu kurz. Stehe mit meiner Meinung wohl alleine da. Bist Du bereit für den Ducati-Test? Dann schau Dir mal, wenn nicht schon geschehen, „Burn Out“ von Yann Gozzlan an.

  1. Ich habe die Blue Ray schon häufiger in der Hand gehabt, die Filme dann aber immer wieder ins Regel zurück gestellt. Die Kritik hier ist für mich hilfreich. Ich folge Ihrer Empfehlung und investiere meine Lebenszeit in ein anderes dramatisches Werk.

    Zur Ehrrettung der Macher möchte ich aber doch noch eine Lanze brechen. Dabei gehe ich auf zwei Kritikpunkte ein, die Sie anführen. Sie bemängeln den Charakter der Nacherzählung ohne an das Orginal zu kommen und die Austauschbarkeit des Milieus in dem die Serie angesiedelt ist. Hierzu muss man sich bewusst machen, dass die besten Geschichten bereits erzählt sind. Shakespeare hat nun mal super Stoffe. Da haben alle Drehbuchautoren eine solide Ausgangslage und das ist absolut legitim. An das Orginal wird kein Drehbuchautor und keine Drehbuchautorin herankommen. Der Hammer Shakespeare hängt einfach viel zu hoch. Die Frage bei solchen Serien ist, ob die Variation des Themas klappt und die Umsetztung technisch gut und für die Rezipierenden glaubwürdig ist. So wie Sie es beschreiben, hat das bei Sons of Anarchy nicht so ganz geklappt. Köstlich: Die Mutmassung mit dem Praktikanten. Wichtig ist, dass das Lokalkolrit ein stimmiges Bild ergibt. Entsprechend ist auch das Austauschbare an sich nicht verkehrt. Ohne die tollen Western-Adaptionen so genialer Kurosawa-Filme wie die 7 Samurei und Yojimbo der Leibwächter wäre die Filmwelt doch viel, viel ärmer. Und Hamlet auf dem Ponyhof? Warum nicht. Gut umgesetzt geht alles. Ich hab schon Macmacbeth auf einem realen Ponyhof erlebt. Nichts covert besser als das richtige Leben. Fazit: Die Frage Motorradfilm oder nicht, ist nur für die Requisite wichtig. Es geht meistens ja doch nur um die archetypischen Konflikte.

    Während des Studiums hatte ich mal eine eigene Genretheorie entwickelt, in der es auch um das Genre geht, dass im Auge der Betrachtenden entsteht. Schade, dass sie Ihren Blogbeitrag nicht schon damals verfasst haben. Ich hätte Sie gerne zitiert.

    Herzliche Grüsse
    derhalbhartemann.com

    1. Gute Lanze! Und ja, natürlich ist es legitim, guten Stoff zu adaptieren. Aber dennoch will ich versuchen, auf die Schnelle zu parieren. Bei SoA stört mich weniger die Nacherzählung. Doch wer Hamlet wählt, fordert den Vergleich zum Original nun mal heraus. Warum sollte man bei seichtem Soap-Format noch gnädig sein? In einem Punkt bin ich vollkommen anderer Meinung. Die besten Geschichten sind noch nicht erzählt. 😉

      1. Asche über mein Haupt, lieber Gypsy Chimp. Etwas kleinlaut muss ich eingestehen, dass ich keine genauen Kriterien dafür habe, um eine Geschichte zu den Besten zu zählen. Von daher ist meine Aussage „Die besten Geschichten sind schon erzählt“ nicht fundiert. Ich kenne die Regeln für gute Geschichten und die meisten Geschichten, die bereits erzählt sind, folgen diesen Regeln. Wenn es aber stimmt was du sagst und noch bessere Geschichten erzählt werden können, wäre es ja möglich, dass diese Geschichten nicht diesen Regeln entsprechen. Das es nötig ist, aus den derzeit gültigen dramaturgischen Korsetts ausbrechen. Da ich gerade an einem Drehbuch für einen Imagefilm sitze, habe ich mich von diesem Gedanken inspirieren lassen und ohne dramaturgisches Regelwerk, aus dem Bauch heraus einfach drauf los geschrieben. Das Ergebnis gehört sicher nicht zu den besten Geschichten, aber immerhin war es besser als meine vorherigen Entwürfe. Ja, das ist freies Denken mit Gypsy Chimp. Mit einem kleinen Satz löst du bei mir einen kognitiven Konflikt aus und beseitigst so meine Kreativitätsblockade. Wenn du derart minimalinvasiv das Denken der Menschen an deinem Arbeitsplatz veränderst, dann machst du einen richtig guten Job. Respekt!

        Herzliche Grüsse
        derhalbhartemann.com

        PS. Eine Soap an einem Werk von Shakespeare zu messen ist Hybris.

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