No Borders!

Grenzfreies Europa? Von wegen. Unterwegs im ehemaligen Jugoslawien.

[Bild: No Borders! | motorradblog.de]

Es geht nach Kroatien. Wir nehmen den kürzesten und vielversprechendsten Umweg. Also fahren wir schon eine ganze Weile durch die westliche Mitte Sloweniens. Vorbereitet haben wir uns nicht und so tasten wir uns mehr oder weniger von einem verschlafenen Dörfchen zum nächsten vor.

Gemessen an der Größe ist Slowenien eindrucksvoll abwechslungsreich. Erst Gebirge, dann liebliche Hügellandschaft, die mich jetzt, im Februar, aus irgendeinem Grund an Schottland erinnert. Vielleicht wegen der schmalen Sträßchen. Single Tracks des Südostens.

Nicht mal eine Ankündigung

Wir mäandern brummend durch die Gegend. Sind wir schon in Kroatien? Fast. Denn vor uns wie aus dem Nichts ein Schlagbaum. Gut positioniert, denn links und rechts wird die Straße von mit Dornengebüsch bewachsenen, steilen Erdwällen gesäumt. Da ist auch mit einem Motorrad kein Durchkommen.

Zumindest eine Ankündigung an der letzten Wegkreuzung wäre doch nicht zu viel verlangt. Aber die liegt 10 Kilometer hinter uns. Und ich mag es nicht, denselben Weg zurückzufahren. Ein Tick, den ich nicht erklären kann. Schlagbäume mag ich auch nicht. Das kann ich erklären. Aber ein anderes Mal.

Symbol des Starrsinns

Wer hat wohl den Schlüssel? Und warum, verflixt noch mal, funktioniert das hier mit Europa noch immer nicht?! Unsere verlängerte Wochenendtour, die so unbeschwert begonnen hat, wird nun in Form dieses Mistdings blockiert. Plötzlich symbolisiert es den gesamten Irrsinn des Balkankonflikts und seinen bis heute nicht aufgearbeiteten Folgen.

Mir geht das No Borders Orchestra durch den Kopf. Das Ensemble besteht aus Musikern aller Staaten des ehemaligen Jugoslawiens und spielt mindestens einmal im Jahr gegen Xenophobie, Nationalismus, Rassismus und Vorurteile. Es scheint, als müssten die noch eine Weile auftreten. Wenn ich zurück bin, werde ich mir jedenfalls eine CD bestellen.

Zunächst heißt es, eine Lösung für dieses unnötig in die Welt gesetzte Problem zu finden. Also kundschaften wir die Gegend aus. Durch das benachbarte Feld wurde mit einem Pflug wohlweißlich ein kleiner Wall mit Graben gezogen. Was will man hier verhindern? Das sich die Bauern gegenseitig besuchen? Immerhin ist es keiner dieser mit Natodraht versehenen Zäune, die uns auf unserem Rückweg begegnen werden.

Eine der schönsten Gegenden Europas

Besser wäre das Geld angelegt, hätte man es in touristische Infrastruktur investiert. Die würde den maroden und teilweise verfallenen Dörfern wenigstens Geld bringen. Für unsere Reiseenduros sind Graben und Wall jedenfalls kein Hindernis. Also drüber hinweg und freie Fahrt!

Vor und hinter uns liegt eine der schönsten Motorradgegenden Südeuropas. Wenn die Zäune und anderen Grenzschikanen endlich verschwunden sind, vielleicht sogar die schönste.

[Bild: No Borders! | motorradblog.de]

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10 Comments

  1. Die Lösung ist ganz einfach, Kroatien ist zwar Teil der EU, aber nicht teil des Schengener Abkommens. Auf der Strasse hättet ihr eine Passkontrolle erlebt.

    1. Ich bin kein Balkanexperte, aber die Hintergründe (Grenzstreit mit Slowenien), weshalb sie eben nicht Teil des Abkommens sind, scheinen keine Kleinigkeit zu sein.

  2. Schön war auch, als wir nicht über den Grenzübergang von Kroatien nach Bosnien konnten, weil der nur für Einheimische war. Zöllner waren auf beiden Seiten.
    Wirklich schlimm sind aber die Grenzen im Kopf. Da lobt man den Gastgeber, wie schön es in BiH ist und der sagt: Wir sind hier in der Republik Sprka…

  3. Ein interessant geschriebener Artikel und zwei schöne Fotos. Slowenien steht auf meiner Wunschliste. Wie sieht es mit dem Verkehr dort aus? Ist viel los auf den Strassen, ausser den störenden Schlagbäumen?

    Allerdings, als ich in den 1990er Jahren mit dem Motorrad nach Lybien gefahren bin, habe ich eine solche geschlosse Schranke irgendwie vermisst. Der Schlagbaum stand offen und ich fuhr weiter, weil ich niemanden sah. Ich glaubte dass dies ein verlassener Aussenposten war und die eigentliche Grenze später kam. Ein Grenzbeamter, der aus dem Nichts auftauchte und mich mit gezogener Waffe bedrohte, belehrte mich eines besseren. Nach einigen Schreckminuten in denen der Grenzbeamte sehr laut war und ich mir fast vor Angst in die Hose gemacht habe, ging der Übertritt doch noch friedlich und freundlich von statten. So abenteuerlich das auch war, bei der Wahl zwischen Schusswaffe und Schlagbaum würde ich mich jederzeit für letzteres entscheiden. Aber das war ein anderer Ort und ist jetzt schon lange her. In unserem heutigen Europa finde ich Schlagbäume auch überflüssig.

    Herzliche Grüsse
    derhalbhartemann.com

    1. So betrachtet sind mir die Grenzbäume selbstverständlich lieber. Slowenien ist ein prima Motorradreiseland. Besonders für die Enfield!

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