Krach rettet Leben

Es steht zweifellos fest, dass die Leute nicht aufmerksamer oder besser fahren, wenn sie einen batteriebetriebenen Motor unter der Haube haben.

Eben wäre ich beinahe, zu Fuß unterwegs, von einem E-Auto überrollt worden.

Vor Halb- und Vollwahnsinnigen, Schläfrigen, Telefonierern, SMS-Schreibern, Verkehrsautisten und Sadisten warnte bisher ja verlässlich das Motorengeräusch, das einem noch Gelegenheit gab, Leib und Leben mit einem Sprung zu retten. Nun gibt es eine Gefahrenquelle mehr. Ab sofort heißt es, sich wie ein verängstigtes Makakenäffchen im Dschungel durch den Straßenverkehr zu tasten.

Damals galt – je kleiner, desto lauter

Das andere Ende ist gekennzeichnet von Auspuffanlagen, die, oft auf Kosten des ein oder anderen Kilowatts, wahlweise brüllend, knallend, ächzend das eigene Vehikel auch vokal in Szene setzen.

Vor ein paar Jahren hat höchstwahrscheinlich noch folgende Formel gestimmt: je kleiner, desto lauter. Wenn irgendwo hinter dem Horizont das Grölen eines Dragsters oder Drag Bikes zu vernehmen war, konnte man sicher sein, dass eine halbe Stunde später ein tiefergelegter Kleinwagen, eine 80er oder ein Roller über den Hügel kroch.

Die Zeiten sind vorbei. Wie der Spoiler ist nun auch der sogenannte Sportauspuff aus der Tuning-Szene salonfähig geworden. Salonfähig heißt absatzfördernde Serienproduktion. Dahin ist das Understatement in der Oberklasse.

Bewunderung wird ausbleiben

Technische Lösungen, die auf Knopfdruck wahlweise rechtskonformes Dezibelflüstern und krachenden Lärm erlauben, sind beliebt. Nur scheint ein Großteil der Besitzer da etwas grundsätzlich missverstanden zu haben.

Im Stadtverkehr, an der Ampel, im Stau, im Wohngebiet – Tüte auf, Kupplung und Gas hoch?! Denen kann man eigentlich nur, wenn sich die seltene Gelegenheit bietet, sehr freundschaftlich versuchen mitzuteilen, dass die mutmaßlich erhoffte Bewunderung, Anerkennung und Bestätigung ausbleiben wird.

Wer der Egomanie des Krachs nicht entfliehen kann, ist um das erhöhte Risiko von Herz-Kreislauferkrankungen nicht zu beneiden. Unsere 15.000 Hörzellen können wir bei Bedarf ja nun mal nicht einfach abschalten. Da sind Elektromotoren dann doch die angenehmere Alternative.

Ich bin jetzt aber der Letzte, der behaupten würde, Sound sei nicht wichtig. Sound ist Emotion. Sound ist die direkte Rückmeldung, die sich in die Nerven bohrt. Er stellt die Direktverbindung zwischen Zylinder, Hirn und Herz her. Es muss schon was zu hören sein.

Nur eben am richtigen Ort, zur richtigen Zeit und keinesfalls auf Kosten anderer.

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4 Comments

  1. Recht hast Du: der Sound macht’s und der ist halt nicht gleichzusetzen mit „laut“!

    LG
    Susy (die diese lautlosen Geister-Vehikel sofort verbieten würde, wenn sie könnte, weil sie beim Straßeüberqueren vor einigen Jahren fast vor ein Hybrid-Taxi gelaufen wäre)

  2. Es wird immer unheimlicher! Neulich sah ich mein erstes E-Motorrad in freier Wildbahn an einer Ampel stehen. Nach dem Farbwechsel schoss das Teil förmlich los und das eben ganz ohne den üblichen Sound eines beschleunigenden Kraftrades.
    Ich weiß noch gar nicht, ob ich diese Dinger gut oder schlecht finden soll. Aber es dürften mir die „Good Vibrations“ fehlen, die die Nackenhaare kräuseln lassen, wenn der Zeiger des Drehzahlmessers nach dem Gangwechsel wieder nach oben schnellt.

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