Kleine Glücksmomente: Hase und Igel

Ein umgefallenes Motorrad wieder aufzurichten ist keine Frage der Körperkraft. Sondern der richtigen Technik.

[Hier ist eigentlich ein Bild: Zwei Motorräder. Auf einem sitzt eine Frau, die den Ok-Daumen zeigt.]

Eine beliebte und nicht langweilig werdende Attraktion auf Messen, Treffen und Ausstellungen sind Anleitungen, wie man die ganz Großen nach einem Umfaller wieder in die Senkrechte bringt. Ein am Boden liegendes Reiseschiff mit ausgereizter Maximalzuladung mutet ja an wie ein gestrandeter Wal.

Es würde mich überhaupt nicht wundern, wenn der ADAC auch hier gelegentlich hilfreich zur Hand ging. Natürlich unter dem Siegel der Verschwiegenheit. Wer sich den Mitgliedsbeitrag und die Wartezeit sparen will, einfach nur zu stolz ist, nicht über die notwendige Physis verfügt oder in Kleinasien unterwegs ist, lernt deshalb lieber Kniffe. Die gab es kostenlos auf eben einer dieser Messen. Auf dem Boden der Wal, eine GS1200 ADV mit beladenen Koffern und Topcase. Drumherum die notwendige Traube Neugieriger. Wir, meine Frau und ich, mittendrin. 

Großes Kino

Meine küchenpsychologische Einschätzung lautet, dass umgefallene Motorräder einen archaischen Reflex auslösen. Vor allem bei Männern. Natürlich in unterschiedlicher Intensität, aber jeder Mann verspürt ihn. „Loslos! Anpacken!“ (Das muss man sich im gesprochenen Tonfall eines Landarbeiters um 1757 vorstellen, der eben seinen Holzpflug in die Erde rammt und einen Ochsen anpeitscht.)

Zuschauer sind dabei eine wichtige Variable, denn damit bestimmt folgender Regelkanon das Geschehen:

  • Man darf sich keine Blöße geben.
  • Es muss so aussehen, als würde man das jeden Tag machen.
  • Es gilt, das richtige Maß zu finden zwischen zur Schau gestellter Kraft und der gleichzeitigen Suggestion, dass es eigentlich nichts Leichteres gibt. Das erfordert schauspielerisches Talent und ein gutes Gespür für angemessene Selbstinszenierung.
Tipps vom Weltreisenden

Die Anleitung zum richtigen Aufstellen gab es von einem Einweiser. Ein offensichtlich erprobter Weltreisender und Zweiradabenteurer in Diensten eines Ausstatters. Seine Präsentation bestand im Prinzip aus drei Handgriffen und einem konsequenten Schub, der sich Schwerkraft und Dynamik des Eigengewichts der Fuhre zunutze macht.* 

Wenn das Motorrad auf der rechten Seite liegt:

  1. Gang rein, Seitenständer raus,
  2. mit dem Rücken zur Maschine in die Hocke gehen,
  3. linke Hand greift den Lenker,
  4. Vorderrad so weit einschlagen, dass es Halt findet,
  5. den Rücken gegen Sitz / Tank drücken,
  6. aus den Beinen heraus schräg nach oben drücken.

Von der linken Seite ganz genau so, nur muss man eben aufpassen, dass man sich im richtigen Moment umdreht und die Maschine festhält. Sonst kippt sie im schlimmsten Fall auf die andere Seite.

Sieht leicht aus. Ist es aber nicht

Die Dramaturgie und Spannung entsteht, wenn der oben genannte archaische Reflex einsetzt. Und die machte sich unser Einweiser klug zunutze. Aufforderndes Grinsen in Richtung der Stiernacken im Publikum.

„Na?! Willstes mal probieren?“

Klar will man. Welch Glucksen in der Menge, wenn die Halsschlagadern eines menschlichen Kolosses mit Armen im Oberschenkelformat hervortreten, die Augen groß, der Kopf rot wird und dann mit vollem Körpereinsatz das Motorrad doch noch steht. So geht es drei, vier Mal.

Im Ring

Und dann kann ich nicht anders. Ich schubse meine zarte Frau nach vorne in den Kampfring. Da sich der Kreis sofort wieder schließt, gibt es kein Zurück. Der Weg in die Freiheit führt über das wieder vorsichtig hingebettete Monster vorbei an hämischen Blicken und spöttelnden Bemerkungen. Die Waffen meiner Frau:

  1. Intelligenz.
  2. Die Fähigkeit, sehr gut zuzuhören.
  3. Nicht den leisesten Respekt vor Männlichkeitsritualen.
  4. Ein bis zum Anschlag bepacktes Motorrad im Abenteuermodus zu bewegen, ist alles andere als eine erschreckende Vorstellung.

Und deshalb gelingt, was allen anderen nicht gelang. Der Wal steht in Sekunden aufrecht. Kein roter Kopf. Kein Schnaufen. Dafür beschämende Leichtigkeit und sogar Eleganz. Ich war natürlich stolz und habe angegeben.

Bis sich meine Frau beim nächsten Stand bitter an mir rächte. Wie genau verrate ich lieber nicht. Das wäre mir peinlich.

*Es gibt noch andere Techniken. Die oben genannte finde ich selbst bei schwerer Beladung am besten. Hier Beispiele zu dieser und weiteren Möglichkeiten auf Youtube von einem US-amerikanischen Police Officer mit seiner Dienstmaschine. Die zweite gezeigte Variante ist die oben beschrieben [aufg. am 29.11.2018].

Zum Inhaltsverzeichnis.

2 Antworten auf „Kleine Glücksmomente: Hase und Igel“

  1. Die Aufstellanleitung ist ja ganz nett, aber was mich wirklich interessiert ist, was am nächsten Stand geschah. Wenn Du das nicht erzählen willst, frag doch bitte Deine Frau, ob Sie einen Gastbeitrag bei mir veröffentlichen möchte.

    1. Nope, erzähl ich nicht. Aber meine Frau wird Deinen Kommentar sicher lesen. Wunder Dich also nicht, wenn sie das Angebot für einen Gastbeitrag ernst nimmt. 😉

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