Kleine Glücksmomente: Children of the Frost

In Sichtweite der Alpen zu leben hat Vorteile. Grandiose Strecken und Südeuropa liegt nur einen Steinwurf entfernt. Das ist verführerisch. Besonders in den späten Wintermonaten.

[Bild: Tunnel | motorradblog.de]

Wir entwickeln in dieser Zeit eine Manie für Wetterdienste. Jede noch so kurze Schnee- und Regenpause wird entlang der Pässe beobachtet. Denn während im bayrischen Oberland noch Schnee und Matsch regieren, hat auf der anderen Seite der Frühling längst begonnen.

Mit ein wenig Glück ergibt sich eine trockene Schneise. Wenn nicht, muss das Gummizeug im Friesennerzstil her. Dichter geht wohl nicht. Darunter: Kombi, Fleecepullover, Funktionsunterwäsche, Schal. Mit leicht abgespreizten Armen dann hinunter zum Motorrad und draufklettern.

Erster Zweifel

Das hat zur Folge, dass wir trotz beißender Minusgrade schweißgebadet das alljährliche Vorhaben das erste Mal vorsichtig in Frage stellen. Es wird kurz diskutiert. Aber wieder herunterklettern erscheint zu anstrengend.

Mit mathematischer Brillanz errechnen wir , dass die Zeit, die wir bräuchten, um uns wieder umzuziehen, ungefähr der Strecke nach Verona entspricht. Mindestens. Also los! Gas!

Zweiter und dritter Zweifel

Der zweite Zweifel folgt 40 Minuten später im Achental, wenn die Kälte langsam durch die Schichten kriecht. Also schnell auf die Autobahn und möglichst Situationen vermeiden, die einen Schulterblick erfordern. Als Michelin Männchen verpackt, verlangt diese Aktion nämlich vollen und ganzen Körpereinsatz. Das ist der dritte Moment des Zweifels.

Vierter Zweifel

Der vierte dann meist irgendwo bei Matrei: Schnee! Der linke Finger wird zum Visierwischer.

Wichtig ist jetzt, all die mitleidigen Blicke der leicht bekleideten Beifahrer in den vorbeirauschenden Autos mit einem strahlenden Lächeln oder ermunterndem Gruß zu erwidern, während man durch den Matsch jongliert.

Das kann eine Zeitlang ganz erheiternd sein. Irgendwann braucht es dann aber doch autosuggestive Ermunterung des Selbstbewusstseins.

Mein Tipp: vorher Children of the Frost* von Jack London oder ähnliches lesen. Mit der groben Vorstellung davon, dass alles über 5 Grad eigentlich Kinderkram ist, kann man gutgelaunt weitere 30 Minuten aushalten.

Fünfter Zweifel

Der letzte und übermächtige Zweifel dann kurz vor dem höchsten Punkt. Man könnte zuhause sein. Sinnvollere Dinge tun. In der Sauna sitzen beispielsweise. Oder sich in einem Wellness-Hotel Gurkenscheiben auf die Augen legen lassen. Einen Mandolinenkurs belegen. Urdu lernen.

Alles, wirklich alles, erscheint sinnvoller, schöner, angenehmer, als jetzt hier zu sein.

Aber umdrehen? Ist mittlerweile zur anatomischen und fahrphysikalischen Herausforderung geworden. Der Gasgriff wird nur noch mit dem Handballen bedient. Der Puls hämmert im Bereich zwischen Augen und Nase. Buchstäblich festgefroren geht es weiter.

und dann …

Aber dann, wenn der höchste Punkt des Passes überwunden ist, dann hält jeder weitere Kilometer eine ganze Reihe formidabler Glücksmomente bereit. Während es den Berg hinuntergeht, klettert die Gradzahl lustig nach oben. Das Körpergefühl kehrt zurück.

Ah, liebe Finger! Da seid ihr ja wieder! Jetzt melden sich auch Beine und Füße. Raus aus der embryonalen Kauerhaltung! Durchstrecken! Und dann ist sie da, die Sonne. Also runter von der Autobahn, zur nächsten Waschanlage und das Motorrad vom leidigen Salz befreien. Auch weg mit Regenkombi und Pullover!

Zuletzt noch ein kurzer Blick zurück. Zweifel an Sinn und Zweck des Unternehmens? Pah!

Vor uns der Frühling!

Jack London (2004): Children of the Frost. (Erstaufl. 1902). Project Gutenberg.

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Eine Antwort auf „Kleine Glücksmomente: Children of the Frost“

  1. Moin Gipsy,
    möge der Neid mit Euch sein, ob der formidablen Hausstrecke vor der Tür und den Möglichkeiten, die die Wetterscheide Alpen bietet. Immerhin trennt hier oben der NOK das Wetter manchmal spürbar, doch weniger Schnee vom Frühling. Weiterhin lockt die Holsteinische Schweiz mit Erhebungen und Kurven, die den norddeutschen Geradeausblick inspirierend auflockert. Das die Holsteinische Schweiz nicht auf schwindelerregende Höhen eidgenössischer Gipfel, sondern auf den Namen eines Hotels in Malente-Gremsmühlen zurückzuführen ist, ist eine andere Geschichte.
    Meint Bryno

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