„Ich möchte irgendwann frei sein. Frei von allen Zwängen.“

Mit einem Dreijährigen auf Tour? Warum eigentlich nicht? Im Gespräch mit Andreas über Vater-Sohn-Geschichten, worauf es wirklich ankommt und den ganz großen Traum.

Andreas, du fährst seit 37 Jahren. Wie bist du zum Motorradfahren gekommen?

Mein Opa war Kradmelder und mein Vater hatte schon in jungen Jahren mit dem Motorrad die Welt bereist. Da war es logisch, dass ich mit 14 auf meinem eigenen Mofa saß. Für mich der Einstieg. Danach, mit 16, auf einer 80er von Suzuki, zwei Jahre später dann endlich eine größere Maschine. Erst eine 400er, kurz darauf eine 1000er.

Meine Mutter war von Anfang an strikt dagegen. Sie fühlte sich bestätigt, als ich einen schweren Unfall hatte. Ein unachtsamer Autofahrer hatte mich vom Motorrad geholt. Drei Monate lag ich auf der Intensivstation. Sie saß neben meinem Bett und es ging los: „Ich hab’s Dir doch gesagt!“

Dir sind Touren mit deinem Sohn besonders wichtig. Seit wann ist er mit dabei?

Als er drei Jahre alt war, haben wir die erste Ausfahrt gemacht. Mit einem Goldwing-Gespann, das ich extra angeschafft hatte. Wir sind auch längere Strecken gefahren. Er hat es von Anfang an geliebt. Auch wenn er die meiste Zeit geschlafen hat. Der Seitenwagen der Goldwing war quasi sein Maxi-Cosi.

Goldwing und Maxi-Cosi zugleich.

Mit siebeneinhalb Jahren dann der erste gemeinsame Ritt auf einer richtigen Maschine. Die habe ich umgebaut. Mit Armlehnen von einem Gabelstapler. Dazu Koffer und Topcase. Deshalb nennen wir sie auch Fat Lady. Funk war mir sehr wichtig, damit ich immer wusste, ob er nicht einschläft. Als er 10 Jahre alt war, durfte er mit auf große Reise.

Wie hat dein Umfeld reagiert?

Es hat eine ganze Weile gedauert, bis sich die Leute daran gewöhnt haben. Manche haben mir sogar vorgeworfen, ich sei ein schlechter Vater. Ich sei einfach bekloppt. Aber für mich stand fest, dass ich nichts tue, was mein Kind gefährdet. Ich habe es durchgezogen. Deshalb dann auch die Umbauten. Seine Motorradkleidung haben wir umarbeiten lassen. Jetzt ist er 12 – er wird also bald mit dem eigenen Mokick flügge.

Was war die längste Tour am Stück, die ihr unternommen habt?

Vor zwei Jahren haben wir eine Tour mit 20.000 Kilometern gemacht. Sieben Länder innerhalb von vier Wochen haben wir kennengelernt. Das war großartig! Ich wollte ihm zeigen, was es bedeutet, ohne Luxus zu leben. Ich hatte ein Handy und Geld dabei. Zur Sicherheit. Aber mein Sohn wusste davon nichts. Für Würstchen im Brötchen und eine Tankfüllung haben wir Tankstellen gefegt.

Wie haben die Leute von der Tankstelle reagiert?

Die haben gelacht. Und fanden das total klasse. Das Brötchen und die Tankfüllung hätten wir wahrscheinlich auch umsonst bekommen. Aber das wollten wir nicht. Wir wollten dafür arbeiten. Ich glaube, das war eine wichtige Erfahrung für meinen Sohn.

Wie der Vater so der Sohn.

Wie habt ihr übernachtet?

In Südtirol haben wir Bergbauernhöfe aufgeräumt, um in der Scheune übernachten zu dürfen. Aber meistens haben wir gezeltet. Oft wild. Obwohl es verboten war. Wir haben zum Beispiel eine Dose Ravioli geholt und die am Lagerfeuer heißgemacht. Dann haben wir einfach in die Sterne geguckt und uns erzählt, wie der Tag war. Unsere Sachen haben wir im Bach gewaschen. Oder einmal auch in einer Pizzeria. Mein Sohn hat Schmiere gestanden und ich habe unsere Klamotten durchgespült.

Würdest du es wieder machen wollen?

Auf jeden Fall! Nur die Übernachtung in der Scheune muss nicht wieder sein. Das war das Allerletzte. Du glaubst gar nicht, was da so alles im Heu lebt. Mäuse, Ratten, irgendwelche Kriechviecher. Im Heu zu pennen gilt ja als romantisch. Aber wenn es dann nachts anfängt, um dich herum zu rascheln und zu piepsen … muss nicht wieder sein.

Dieses Jahr standen eigentlich die französischen Alpen auf dem Programm. Aber ob das angesichts Corona klappt, werden wir sehen. Jedenfalls ist das Motorradfahren für uns ein reines Vater-Sohn-Ding. Und mir als alleinerziehendem Vater sehr wichtig.

Die Fat Lady ist eine Suzuki GSF 1250 SA. Wem würdest du das Motorrad empfehlen? Und was ist dein Traummotorrad?

Jedem, der ein absolut zuverlässiges Bike möchte. Allerdings ist die Fat Lady mittlerweile ein echtes Unikum. Das ist nur was für echte Tourenfahrer. Traummotorräder habe ich zwei: Triumph Rocket 3 GT und Harley Fat Boy.

Mit der Fat Boy verbinde ich gemütliches Dahincruisen. Dieses Easy Rider-Ding. Dieses Ganz-bei-sich-Selbst sein. Auch der gewisse Unsicherheitsfaktor einer Harley. Dass du nicht genau weißt, ob sie auch wieder anspringt. Also Motorradfahren, wie es früher war.

Die Rocket ist in dieser Hinsicht genau das Gegenteil. Eine gute Tourenmaschine, die das Heute verkörpert: unheimlich leistungsstark mit modernster Technik.

Die Fat Lady in Aktion.

Du bringst dich mit einem Engagement, das seinesgleichen sucht, für eine von dir gegründete Facebook-Gruppe von Motorradfahrern ein. Was treibt dich an?

Ich war vorher in vielen Motorradgruppen unterwegs, habe aber nie so richtig was für mich gefunden. Zum Beispiel wollte ich auch mal einfach Fotos von unseren Vater-Sohn-Touren posten. Da kamen dann häufig Angriffe. Das sei ja viel zu gefährlich.

Oder ich habe Bilder von meinem Motorrad eingestellt. Dann wurde sofort geschrieben, wie hässlich sie sei. Oder Bashing von anderen Leuten, die beispielsweise mit Warnweste fahren. Oder, oder, oder.

Ich habe eine Gruppe von und für Reifere gesucht. Für Leute, die einfach Spaß daran haben, Touren zu fahren. Und wo es egal ist, was für ein Motorrad du fährst. In der man kontrovers diskutieren kann, ohne sich ständig gegenseitig zu beleidigen. Und da es so eine Gruppe nicht gab, habe ich halt selbst eine gegründet.

In der Gruppe finden Stammtische, Ausfahrten und andere Aktionen statt. Regional und überregional. Mindestens einmal im Jahr gibt es ein deutschlandweites Treffen. Mitglieder helfen sich gegenseitig, gehen beispielsweise beim Umzug zur Hand, unterstützen bei Alltagsproblemen und vielem anderen mehr. Es sind sogar schon Partnerschaften entstanden. Was ist das Geheimnis?

Das Geheimnis? Die 4.000 unglaublichen Mitglieder. Die sind halt tendenziell älter und gelassener. Tolle Menschen mit Herz. Ich finde es selbst eigentlich erstaunlich, wie sich das entwickelt hat.

Kurz nach der Gründung waren wir schon 500. Und da habe ich mir gesagt – wär‘ doch cool, wenn ich die Leute mal kennenlernen würde. Deshalb habe ich das erste Treffen hier in Siegen organisiert. 30 Leute kamen. Beim zweiten Treffen waren es schon 80. Es hat sich dann verselbstständigt und die Regionaltreffen und Stammtische sind entstanden.

Gibt es deiner Meinung nach etwas, was, insgesamt betrachtet, typisch für Motorradfahrer ist? Etwas, was, abgesehen vom Motorradfahren, alle Motorradfahrer verbindet?

Wir haben alle einen an der Waffel. Spaß beiseite. Im Vergleich zu früher hat sich einiges verändert. Es gibt mittlerweile viele, bei denen der Spirit fehlt. Da steht was Anderes im Vordergrund. Dieses zwanghafte „immer höher, schneller, weiter, besser, teurer“. Aber darum geht es ja eigentlich gar nicht.

Früher sind wir aus reiner Leidenschaft gefahren. Mit schlechter Ausrüstung selbst im Winter. Du bist mit steifgefrorenen Jeans und einem Eiszapfen an der Nase nach Hause gekommen und hast vor Glück gestrahlt. Und Zusammenhalt ist wichtig. Einer für Alle – Alle für einen.

Und du? Was bedeutet dir Motorradfahren?

Mir fällt das Bild vom Wilden Westen ein. Das wäre wohl meine Zeit gewesen. Auf dem Pferd durch die Prärie. Freiheit, Ungebundenheit. Abenteuerlust. Ich glaube, das steckt in vielen Tourenfahrern.

Später, wenn ich in Rente gehe, werde ich alles meinem Sohn übergeben und mich aufs Motorrad setzen. Durch Kuba möchte ich fahren. Auf jeden Fall nach Tibet und auf die alte Route 66. Also in die Welt hinaus. Ich möchte irgendwann frei sein. Frei von allen Zwängen.

Was würdest du einer/m Motorradanfänger/in raten?

Ride safe – ride free. Fahre mit Bedacht und vorausschauend. Fahr korrekt und scheiß auf die fünf Minuten, die du schneller sein könntest.

Was wünscht du dir von der Motorradindustrie?

Serienmäßiges Airbag und Auspuffanlagen, die nicht manipulierbar sind.

Wie sieht die Motorradwelt wohl in 20 Jahren aus?

Überwiegend Elektro. Dann aber ohne mich. Ich brauche die Vibration, den Geruch, das Geräusch. Sich auch dreckig machen. Wenn ich nach einer Tour nicht duschen muss, war es wahrscheinlich kein guter Ritt.

Kontakt:

Andreas hat einen eigenen Friseurbetrieb in Siegen, in dem jeder Motorradfahrer gerne gesehen ist und deshalb 15% Rabatt erhält. Kontakt am besten über diesen Facebook-Link oder auch direkt über sein Facebook-Profil.

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5 Comments

  1. Hallo Gypsy Chimp,

    ein super Interview! Gibt es einen zweiten Teil? Vielleicht mit dem Sohn vom Andreas? Der könnte uns seinen Namen nennen und seine Eindrücke und Erlebnisse der 7 Länder Tour erzählen. Das fänd ich spannend.
    Hei Andreas, unter dem Gesichtspunkt der Unabhängigkeit, sind sie als Friseur, wenn nicht gerade ein Berufsverbot herrscht, fein raus, eine Schere und ein Kamm und man kann seine Leistung an jedem Parkplatz anbieten. Herrrrrlich! Und mit ihrer Frisur sind sie sowieso die beste Empfehlung.
    hahahahaha! T’schuldigung, mein komischer Humor ist mit mir durchgegangen. Welche Freiheit meinen sie? Also wer sich vier Wochen Zeit für so eine geniale 7 Länder Tour nimmt und dies so herrlich minimalistisch angeht wie ihr beiden, na das hört sich schon sehr frei an. Oder?
    Danke fürs erzählen.

    LIEBEn Gruß
    rudi rüpel

  2. Wahnsinnsbeitrag!! Ich habe ihn sehr genossen und freue mich für den kleinen Sohnemann, dass er einen solchen Daddy hat. Hoffentlich bleibt diese Abenteuerlust lange erhalten…

  3. „Mensch, Andreas, warum hast Du mich als Kleinkind nicht adoptiert?“ Punkt-Punkt-Punkt

    Vielen Dank für das rührende Interview:
    Ich denke, dass jeder froh sein kann, einen solchen Daddy zu haben und hoffe arg, dass der Kleine das Erlebte trotz seiner jungen Jahre (wider Erwarten) verinnerlicht hat und sich auch später gern daran erinnern wird!
    *Ganz-klar-Daumen-hoch!*

    GLG

    Susy

    PS
    Hatte mal eine (baugleiche) 650er Bandit und trauere dem Allround-Schätzken – auch wenn sie für mich etwas zu hoch und zu schwer war – noch immer ein wenig nach!

  4. Beeindruckendes Interview: kurze, prägnante Fragen. Gelungene Themenauswahl und -anordnung. Aussagekräftige Antworten, die neugierig machen auf Mehr. Entdecke viele Übereinstimmungen: Gemeinschaft mit dem Sohn, Freude am „einfacghen“ Leben, Treffen von Menschen mit Herz, Abneigung gegen „Herrenfahrer“ mit protzigen Maschienen, längere Touren…
    Und die Überlegung, Mitglied in Andreas Motorradgruppe zu werden und den mächsten Friseurbesuch nach Siegen zu verlegen

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