Geführte Motorradtouren – bezahlte Unfreiheit?

Freund Steinbock, einer der erfahrensten Motorradfahrer meines Freundeskreises, schwört auf organisierte Motorradtouren. Warum, habe ich gefragt. Hier seine Antwort.

[Hier ist eigentlich ein Bild: Pause.]

Draufsetzen und losfahren – so einfach ist es eigentlich. Wenn aber aus der Ausfahrt eine Reise werden soll, dann schreckt so einiges, was unwägbar und kompliziert erscheint. Und es bleibt womöglich bei der Eisdielenfahrt.

Die kleine Freiheit

Wer Motorrad fährt, will bewusst einen höheren Grad an Selbstbestimmung und Freiheit genießen. Zumeist ist unser Alltagsleben stark reglementiert und durch vielfältige Rahmenbedingungen in enge Bahnen gelenkt.

Das Motorrad als Vehikel, um dieser Enge zu entkommen, bietet eine unkomplizierte und gesellschaftlich weitgehend akzeptierte Möglichkeit der zeitlich begrenzten Flucht. In Abhängigkeit von der jeweiligen Motorradkaste sogar ergänzt um einen zumindest gefühlten Prestigegewinn. Manchmal auch sogar vermeintliche Bewunderung durch Aussenstehende, also Nicht-Fahrer

Wie und wohin

Allerdings will diese kleine Freiheit wohl geplant und vorbereitet werden. Nichts ist langweiliger, als das x-te Mal die gleiche Hausstrecke zu fahren. Und sich insgeheim zu ärgern, dass man doch wieder zu träge war, vorher Karte, einschlägige Touren- Portale oder anderes zu Rate zu ziehen. Komplexer wird die Sache, wenn es nicht nur um die Feierabendrunde oder die Samstagstour geht. Sondern um eine mehrtägige oder gar mehrwöchige Urlaubsreise. Wohin, wie lange, wie anstrengend oder gar gefährlich soll oder darf es werden? GPS, Karten, Dokumente, nicht zuletzt die Frage der Unterkunft werden schnell zu einer frustrierenden Entscheidungsmatrix. In deren Unterholz kann sich die kleine Freiheit schnell verlieren

Entmündigung

Es gibt unzählige, mitreißende Berichte über selbstorganisierte Weltreisen sowie Touren über ganze Kontinente. Auch zu selbst erkundeten, abenteuerlichen Nebenstrecken um die Ecke.

Niemand schreibt aber über langweilige Strecken im dichten Verkehr. Über die Verfahrer, Wendemanöver und die schlechten Hotels. Und wer führt die Strichliste der „da würde ich ja schon gerne mal hinfahren“ Touren, die niemals stattfinden? Nicht immer wird aus der schönsten Nebensache der Welt auch ein tolles Erlebnis. Besonders wenn Zeit, Know-How oder auch Nerven für eine umfangreiche Vorbereitung fehlen. Oder eben der Mut, überhaupt zu einer längeren Reise mit dem Motorrad aufzubrechen

Hier setzen Reiseveranstalter an, die das Rund-Um-Sorglos-Paket einer organisierten und geführten Tour anbieten. Sofort erklingt der Empörungsschrei wettergegerbter Vielfahrer. „Entmündigung! Wo bleibt denn da die Freiheit und das Born-to-Be-Wild?“

Geben wir aber wirklich unsere Freiheit und Unabhängigkeit auf, wenn wir ein Stück der Vorbereitung abtreten?!

Der gute Veranstalter

Bei gewerblichen Motorradreiseveranstaltern sind alle Qualitätsstufen zu finden. Die Güte zeigt sich anhand der Vorbereitung und natürlich bei der Durchführung. Aufgrund der sehr speziellen Klientel und der schmalen Marktnische ist Mundpropaganda 2.0 (also die sozialen Medien) ein scharfes Damoklesschwert. Das entscheidet über den Weiterbestand einer solchen Unternehmung. Social Media können also ein erster Hinweis sein.

Außerdem eine klar verständliche und eindeutige Reisebeschreibung des Veranstalters. Das sollte Appetit auf die Touren wecken. Aber auch deutlich machen, was von den Teilnehmern erwartet wird. Das zeugt von ernsthafter Vorbereitung und Professionalität.

Dabei sind Kategorisierungen, in die man sich als potentieller Kunde selbst einordnen kann, besonders hilfreich. Das „Kleingedruckte“ sollte sich spezifisch mit den Unwägbarkeiten des Motorradfahrens beschäftigen. Wie steht es beispielsweise mit wetterbedingtem Ausfall und technischen Defekten? Oder auch, Gruß an die Raser-Fraktion, dem möglichen Ausschluss von der Tour durch den Veranstalter.

Hinsichtlich des Preises sollte man generell grob die Übernachtungskosten plus Essen, Getränke und mögliche weitere Aktivitäten hinzuaddieren. Preisvergleiche zwischen verschiedenen Anbietern bleiben aber aufwändig. Ist noch die abendliche Weinverkostung drin? Ist ein Gelände- oder Kurventraining mit dabei?

Wenn unter dem Strich die Kosten für das Gesamtpaket des Veranstalters nicht Lichtjahre von der eigenen Kalkulation entfernt sind, dann stimmt das Preis-Leistungsverhältnis. Wie so häufig gilt dabei: je mehr Service, desto teurer

Vorteile

Die geführte Tour bietet den enormen Vorteil, eben doch einmal mit dem Motorrad durch Patagonienen zu fahren. Oder den Harz auf Strecken zu erleben, die man sonst nur nach einem Kartografie-Studium gefunden hätte.

Daneben ist es gerade für weniger versierte Fahrer eine sehr gute Gelegenheit, sich besondere Fähigkeiten anzueignen. So kann eine solide Grundlage für künftige Motorradabenteuer gelegt werden. Der Bekannten- und Freundeskreis wird um Gleichgesinnte erweitert. Das gemeinsame Erlebnis schmiedet dabei auf besondere Art und Weise zusammen

Letztlich ermöglicht die Teilnahme an einer organisierten Motorradtour für viele eine ganz eigene, persönliche Freiheit. Nämlich die des Reisens ohne Vorbereitungsstress und ohne Angst vor dem Misslingen. Wer mit einer Simson Schwalbe schon die Road of Bones absolviert hat, wird sich jetzt müde lächelnd abwenden. Für die Heerscharen von Großenduros, die noch nie ein Staubkorn gesehen haben, unzählige Harley Bagger, die die Route 66 nur aus Erzählungen unserer Motorradahnen kennen und viele andere ist es aber eine tolle Möglichkeit.

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3 Comments

  1. FREIHEIT? TEQUILA!

    Letztlich ermöglicht die Teilnahme an einer organisierten Motorradtour für viele eine ganz eigene, persönliche Freiheit.
    NIEMALS! Nichfürmich!
    Freiheit läßt sich in einer Gruppenreise einfach nicht finden. Nichtmal zu zweit funktioniert das. Freiheit ist vielen von uns auch einfach nur suspekt, weil GEFÄHRLICH. Der ein oder die andere bekommt schon ne Panikatacke wenn sie den Begriff nur hören.
    Es soll sogar „Kollegen“ geben die mit ihrem Mopped Mitglied in einem AUTOmobilclub sind.
    Aber vielleicht bin ich ja auf dem Holzweg, denn letztendlich ist Freiheit halt nur ein Ideal. Und jeder versteht was anders darunter.
    Manch einem reicht schon etwas Fahrtwind, um sich frei zu fühlen, andere empfinden Freiheit wenn sie aus 111 TV Programme eins wählen können. Und dann gibt es noch jene, deren Freiheit erst durch ne Reiserücktritt-, ne Vollkassko- und eine RISIKO Lebens-
    Versicherung ermöglicht wird.
    Wie sagte noch der große Philosoph Pee Wee Herman: ich bin ein Einzellgänger, ein Rebell!
    Also wenn der mit einer Reisgruppe unterwegs gewesen wäre, dann hätte folgende Szene so nicht sattfinden können.
    https://www.youtube.com/watch?v=UVKsd8z6scw
    LIEBEn Gruß und viel Spasz mit der Freiheit
    rudi rüpel

  2. „Jeder muss nach seiner Facon selig werden“, sagte schon Friedrich der II. Daher gebe ich Dir vollkommen recht, dass das Alleine-Reisen sicherlich eine sehr intensive und die individuellste Möglichkeit des Motorradfahrens darstellt, wenn man sich traut. Der Mensch als, zumeist, soziales Wesen fühlt sich häufig eben in einer Gruppe wohler, sprich sicherer. Freiheit versus Sicherheit – ein Spannungsfeld, das sich nicht gänzlich auflösen lässt. Für Dich überwiegt der Aspekt der Freiheit, aber warum sollte ein Gruppenreisender sich nicht mit seiner Reisegruppe frei fühlen und sicher? Lieber mit der Gruppe in die Pyrenäen als alleine um den Baggersee. Vielleicht entwickelt sich daraus ja dann auch der Mut beim nächsten mal alleine loszuziehen. Und Tequila als Gruppenveranstaltung teilt den Schmerz am nächsten Tag auf viele Köpfe. Gruß, Steinbock

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