Führerschein

Wer die Fahrschulbank drückt, lernt stumpf die Bögen auswendig. Spaß macht das nicht. Außerdem fehlt etwas.

[Hier ist eigentlich ein Bild: behelmter Kürbis.]

Ich habe den Motorradführerschein erst spät gemacht. Aber immerhin früh genug, um mir freundlichen Spott, der das Wort „Midlife-Crisis“ enthält, zu ersparen. Sich nicht schon als Teenager anzumelden, bringt Vorteile mit sich: die Preise und Gebühren verlieren beispielsweise ihren Schrecken. Und so drücke ich dann eines Tages im Winter das zweite und sicherlich das letzte Mal in meinem Leben die Fahrschulbank.

Brav habe ich Stift und Notizblock gezückt, merke aber schnell, dass ich beides nicht brauchen werde. Letztlich hat sich an der Didaktik nichts geändert. Es gibt sogenannte Lernbögen, alles im Multiple-Choice-Stil und in der oft sperrigen und holprigen Prosa deutscher Amtsstuben verfasst. Ob analog oder digital macht keinen Unterschied.

Lernkonditionierung statt verstehen

Es geht also nicht um Verständnis, sondern um das Beherrschen der richtigen Antwort. Regelorientierte Lernkonditionierung. Gemessen wird in Punkten. Also kann ich mich zurücklehnen. Meine Mitschüler machen es genauso, haben aber offenbar alle noch mit den Auswirkungen postpubertärer Hormonschübe zu kämpfen.

Sicherheit schöpfen sie aus dem Handy, das wie ein Krückstock für das noch zu entwickelnde Selbstbewusstsein wirkt. Jede Unsicherheit scheint in eine Textnachricht abzufließen. Um in solchen Situationen nicht an Langeweile zu vergehen, gibt es ein einfaches Mittel: Beteiligung. Unser Fahrschullehrer scheint dankbar zu sein, dass endlich mal jemand mit ihm redet.

Dann endlich die ersten Praxisfahrstunden. Da ich schon fahren kann, ist es grundsätzlich keine große Herausforderung. Interessant sind allerdings die gesetzlich vorgegebenen Übungen, also Kreisfahrt mit Schräglage, Slalom, Stop-and-Go, Vollbremsung etc.

Amtliches Entweder-Oder

Auch dabei ist die technokratische Sicht- und Denkweise immer präsent. Es geht um die letztlich juristisch wasserdichte Beurteilung von Handlungsabläufen. Da wird mit dem Zollstock gemessen, Plastikbecherchen werden im amtlich vorgesehenen Abstand aufgestellt, Sekunden am Stoppschild gezählt, der Schulterblick vermerkt.

In der amtlichen Entweder-oder-Logik ist das plausibel. Das damit verbundene Problem bringt aber unser Fahrlehrer auf den Punkt: „Der Führerschein zeigt nur, dass ihr fahren dürft. Nicht, ob ihr es auch könnt.“

Da fehlt doch was

Meiner Meinung nach fehlt eine ganze Menge. Zum Beispiel das Verhalten in Gefahrensituationen und Extremfällen. Der Fakt, dass Langsamkeit nicht immer sicher ist. Systematisches Einüben von vorausschauendem Fahren. Vor allem aber das sich Hineinversetzen in andere Verkehrsteilnehmer.

Eine Art übergeordnete Etikette, eine Ethik für den Straßenverkehr müsste her.

Mit dem derzeitigen Modell wird der Eindruck vermittelt, dass man mit diesem an vielen Stellen überfrachteten Multiple-Choice-Verfahren für alle Situationen gewappnet wäre. Und dass unterm Strich nur relevant ist, ob die Regel eingehalten wurde. Nicht aber, ob das eigene Handeln auch angemessen ist.

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4 Comments

  1. Wie willst du heute 16- und 17-jährigen systematisch vorausschauendes Fahren beibringen geschweige denn Ethik im Strassenverkehr? Ich gebe dir vollkommen Recht, dass das reine Auswändiglernen von Regeln bzw. eigentlich nur von Fragen und deren Antworten die Anfänger*innen nicht annähernd ausreichend auf das Führen eines Fahrzeugs vorbereitet.

    Ob das eigene Handeln angemessen ist, wird doch der Jugend heute von sogenannten Influencern vorgegeben.
    Das was du möchtest, ist im Prinzip durch gesunden Menschenverstand und Erfahrung erreichbar. Das hatte ich als junger Mann aber auch nicht. Mit jetzt fast 50 kann ich leicht überheblich sagen, dass ich mich sicher im Strassenverkehr bewege, als guten Motorradfahrer z.B. würde ich mich aber auch nach fast 10 Jahren Führerschein noch nicht bezeichnen.

    1. Ich sehe es wie Du. Zu wirklich gutem Fahren gehört sehr viel Erfahrung und sehr viel Übung, die nicht in der Fahrschule erworben werden kann. Warum aber nicht zumindest einen Teil dieser (Lebens-) Erfahrung weitergeben? Bei meinem Fahrschullehrer hatte ich jedenfalls den Eindruck, dass er chronisch unterfordert war. Der kann mehr.

      Wirkt es abgehoben, wenn ich sage, dass ein wenig Philosophie gut in die Fahrschule passt? Straßenverkehr als Abbild unserer Gesellschaft ist ein Einstieg. Die Frage, in welcher Welt man lebt und leben will und wo der eigene Platz ist, ist gerade für diese Altersgruppe zentral. Man müsste sie halt da abholen, wo sie gerade sind.

      1. Nein, es ist überhaupt nicht abgehoben und ich verstehe dein Anliegen, nur sehe ich nicht, wie die Fahrschulen grundsätzliche Ethikfragen beantworten sollten, wenn es heute schon die Schule nicht schafft. Ich hoffe, dass es durchaus Fahrlehrer*innen gibt, die wenigstens ein bisschen auf das Miteinander im Strassenverkehr eingehen, ob das hängenbleibt steht auf einem anderen Blatt. Die Gesellschaft verkommt leider immer weiter, die Mehrheit scheint nur noch auf sich selbst fixiert. In Deutschland besonders stark, wie mir nach einem Jahr im Ausland sehr deutlich aufgefallen ist. Aber ich schweife ab 😉

  2. Ja, „Eine Art übergeordnete Etikette, eine Ethik für den Straßenverkehr müsste her.“ Nicht nur für den Straßenverkehr. Aber die Tendenz läuft leider momentan gerade andersherum. Um so wichtiger ist es, das hier und da mal zu erwähnen. Vielleicht bewirkt es ja doch was.

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