Die eierlegende Wollmilchsau

Der Wunsch nach einer eierlegenden Wollmilchsau unter den Motorrädern wird manchmal als das Non-Plus-Ultra gehandelt. Ich verstehe den Grund eigentlich nicht.

Und finde, dass man sich von dem Gedanken ruhig verabschieden kann, so lange nicht über den Tellerrand geschaut wird. Der wird derzeit durch Emotion und Fahrspaß definiert. Das lässt sich an der zum Verkauf stehenden Produktpalette und den Werbekampagnen gut ablesen.

Grob unterteilt nach dem Terrain sind es derzeit eigentlich nur drei Hauptkategorien, nach denen Motorräder in Deutschland unterschieden werden: Rennstrecke, Straße und Gelände. Die Grenzen (Supersportler, Bobber, Café-Racer etc.) und Grauzonen (Tourensportler, Reiseenduro) werden fleißig ausgeschöpft.

Tellerränder

Wer in diesen Grenzen denkt, wird unter einer eierlegenden Wollmilchsau lediglich die Kombination aus diesen drei Segmenten verstehen können. Vielleicht ein Grund, weshalb Reiseenduros von BMW, KTM usw. so erfolgreich sind. Es sind hervorragende Fahrzeuge auf dem Höhepunkt ihrer Entwicklung. Sie sind schnell, liegen gut auf der Straße, lange Touren sind möglich und man kann auch ein wenig durchs Gelände fahren, solange der Untergrund nicht zu weich ist. Aber sie gehen nicht über den Tellerrand hinaus.

Die Werbung setzt währenddessen auf Emotion. Das lernt heute jeder Student im Basiskurs Marketing. Egal, was Du verkaufst. Mach eine Story und liefere Content! Es muss nur mitten ins Gefühlswirrwar der Masse treffen. Was Du verkaufen willst? Egal!

Ich kann mir heute keinen Joghurt mehr besorgen, ohne dass mir vollmundig Glück, eine heile Welt und ein großartiges Erlebnis versprochen werden. Also Hand aufs Herz! Wie nützlich sind die derzeitigen Multifunktionsmotorräder wirklich? Hohe Zuladung, Verlässlichkeit usw. sind fein. Aber wir bewegen uns immer noch auf unserem Teller. Denn für den Alltag taugen sie nicht die Bohne.

Der einzige Nutzen eines Motorrads besteht darin, nicht jedem Stau hilflos ausgeliefert zu sein. Aber erstens ist das Durchfahren in Deutschland verboten und zweitens scheint es die meisten von uns auch nicht wirklich zu interessieren. Die zahlreichen Petitionen für eine Staudurchfahrung sind nämlich mit beschämend wenigen Unterschriften gescheitert.

Zudem benötigen die Dickschiffe mittlerweile Dimensionen einer Rettungsgasse, um überhaupt durchzukommen, ohne den Lack der gleichfalls überdimensionierten Autos zu touchieren.

Ein Blick zurück

An dieser Stelle lohnt ein Blick zurück in die Motorradgeschichte. Der Motorradmarkt lag Ende der 60er und bis in die 80er Jahre am Boden. 1971 betrug der Motorradbestand gerade mal etwas mehr als 130.000 Fahrzeuge in Deutschland. Wer damals auf dem Zweirad unterwegs war, gehörte zu einer kleinen, verschworenen Gemeinschaft oder konnte sich kein Auto leisten.

Geschichten dieser Zeit sind noch geprägt von Erfahrungen aus den Weltkriegen und auch von einer nicht immer nachvollziehbaren Nostalgie der Übriggebliebenen. Motorradfahren umwaberte der Muff des Gestrigen. Das Stigma war klar gesetzt. Motorradfahrer waren in der öffentlichen Wahrnehmung Prolls. Oder, aufgrund der Entwicklungen in der Rockerszene in den 1960er Jahren, kriminell. Oder beides. Der Untergang schien besiegelt.

Dann aber kommt Honda. Das Unternehmen wirkt wie ein Defibrilator für den ideenlosen und komatösen Markt. Eigentlich müsste sich heute jeder BMW-, Ducati und Harley-Fahrer still vor jeder Honda verneigen und zum ehrfürchtigen Dank den Helm lüpfen.

You meet the nicest people

Das Marketing der Japaner war ausnehmend clever und bricht vor allem mit dem Ölfuß- und Windgesichtimage des harten Motorradfahrers ohne Geld in den Taschen. „You meet the nicest people on a Honda“ lautete einer der Slogans.

Die Verkaufszahlen stiegen, Motorräder schüttelten das Image als Fahrzeug des „kleinen Mannes“ ab und haben sich mittlerweile einen symbolisch aufgeladenen Platz in der Konsumwelt quer durch alle Gesellschaftsschichten erstritten.

Bleibt das so? Wohl kaum. Die Mobilitätsgeschichte ist zu eng mit dem gesamtgesellschaftlichen Wandel verknüpft. Und derzeit ändert sich die Welt mal wieder. Ökologische Themen bestimmen zurecht den Diskurs. Konsumkritik wird laut. Das wirtschaftliche System steht auf dem Prüfstand und muss sich gerade jetzt mal wieder bewähren. Auch, da zu viele abgehängt werden.

Globale Herausforderungen müssen adressiert und gemeinsam gelöst werden. Die schwierige Suche nach tragfähigen Alternativen hat begonnen. Die Herausforderung dabei: nicht die wirklich wertvollen Errungenschaften, über die Jahrhunderte sehr bitter erkämpft, aufzugeben. Demokratie. Individuelle Freiheit. Dazu zählt auch individuelle Mobilität. Denn sie schafft Möglichkeiten und damit Wege aus unliebsamen Abhängigkeiten.

Die Automobilindustrie wird wohl aufpassen müssen, mit ihren Produkten nicht zu den Gestrigen von Morgen zu gehören. Das nicht gegenstandslose Argument, größer, schneller, sicherer produzieren zu müssen, weil der Konsument es nun mal so will, ist auch eine Metapher für unsere derzeitige gesellschaftliche Verfasstheit. Alle quengeln. Schuld sind die anderen. Und im Hintergrund wird die Rendite durchgerechnet.

Herz und Hand

Herz und Hand! Das wäre doch mal was bei Motorrädern! Also beiseite mit dem Gedanken an die eierlegende Wollmilchsau. Hin zu mutigen Konzepten, die auch Nützlichkeit für sich wiederentdecken. Die, ganz praktisch, Antworten auf die Fragen geben, denen wir uns gegenübersehen.

Clevere, alltagstaugliche Motorräder. So vielfältig, wie die Bedarfe und Probleme, die es gibt. Im Motorradmarketing wäre dann nicht mehr Emotion das Schlagwort. Sondern die Frage, wie klug das Ergebnis ein Problem löst. Den Fahrspaß gibt’s frei Haus. Wenn nicht, ist es kein Motorrad.

Zum Inhaltsverzeichnis.

10 Comments

  1. Globale Herausforderungen müssen adressiert und gemeinsam gelöst werden. Die schwierige Suche nach tragfähigen Alternativen hat begonnen. Die Herausforderung dabei: nicht die wirklich wertvollen Errungenschaften, über die Jahrhunderte sehr bitter erkämpft, aufzugeben. Demokratie. Individuelle Freiheit. Dazu zählt auch individuelle Mobilität.
    Kristallkugel:
    https://www.welt.de/politik/deutschland/article165359594/Als-Merkel-in-die-Zukunft-blicken-soll-lacht-das-Auditorium.html
    Noch was, welche Demokratie? Die repräsentative etwa? hahahaha!

    LIEBEn Gruß rudi rüpel

    1. „Wir werden in 20 Jahren nur noch mit Sondererlaubnis selbstständig Auto fahren dürfen.“ soll Merkel gesagt haben. Das Wir ist, ganz demokratisch, vielleicht kein Pluralis Majestatis, sondern bezieht sich nur auf ihre Generation? Die ist dann sämtlich über 80 Jahre alt und wird wohl, angesichts der Unfallquote älterer Menschen, von Google & Co. durch die Gegend kutschiert werden müssen. Wir anderen stehen derweil auf den Barrikaden und werden mit letzter Kraft und Lenkrad in der Hand unsere Bürgerrechte verteidigen. 😉

  2. Ich bezweifele, dass die Konstruktion von cleveren, alltagstauglichen Motorräder möglich ist.

    Das grösste Problem beim Motorrad als Alltagsfahrzeug liegt nicht in der Konstruktion der Maschine, sondern in der Möglichkeit einer bequemen Schutzkleidung, die man schnell an- bzw. ausziehen und sicher verstauen kann.

    Das Auto wird hier immer überlegen sein, denn da braucht es keine Schutzkleidung. Oder man nimmt einen Roller wie von BMW, der die Fahrenden rundum schützt.

  3. Wenn ein Multifunktionsmotorrad nicht so schwer und breit ist, dann ist sie alltagstauglich. Ich fahre so eine Wollmilchsau, sie heißt Transalp, die „eisengewordene Vernunft“ (Zitat Reitwagen). Sie kann sehr vieles, aber nix perfekt. Nur auf auf der Renne war ich noch nicht. Na gut.

    Auch die Klamotten müssen alltagstauglich sein, und auch das geht: Ich lauf den ganzen Tag in Stiefeln und Lederjeans rum. Im Sommer noch leichter in Motorradjeans und Australian Boots.

    Mein Mopped macht mich glücklich, egal was ich mit ihr im Jahresverlauf so mache. Wenn das keine Emotionen sind.

    1. Ja, mein Mopped macht mich auch glücklich. Aber alltagstauglich finde ich es nicht wirklich (die F800GS hat ähnliche Dimensionen und Eigenschaften wie die Transalp). Selbst zur Arbeit fahre ich damit ungern. Die Klamottenwechselei, von der der Halbharte schreibt, ist da nur ein Aspekt. Hm. Vielleicht gehe ich die Sache auch nur falsch an und es liegt an meinem Job. Ich brauche eine motorradtaugliche Anstellung … Wenn was bei Dir frei wird, bitte melden! 🙂

  4. Natürlich sucht beinahe Jede(r) die „eierlegende Wollmichsau“:
    Motorradfahren ist für die Meisten vermutlich ein reines Hobby und nur die Wenigsten können sich ein Zweit- (oder gar Dritt-)Fahrzeug leisten?
    Ergo muss das (Traum-)Motorrad bestenfalls all das können, was man sich so vorgenommen hat…

    „Clevere, alltagstaugliche Motorräder“ wurden bislang – leider, leider(!) – noch nicht erfunden:
    Zumindest nicht für all die Leute, die nicht der gängigen Norm entsprechen.

    Bist Du zu kurz (oder zu lang), bist Du bei deiner Mopped-Wahl automatisch eingeschränkt und kannst sie – wenn überhaupt – nur mit großem Aufwand (Zeit und Geld) an Deine Körpermaße anpassen!

    Genau DA gehört der Hebel seitens der Motorrad-Industrie mal angesetzt!

  5. Das Anlegen der Rüstung -egal ob Leder oder Textil- ist für mich eine Zeit der Kontemplation, ich genieße diese Momente und nutze sie zum Runterfahren, bestenfalls ist der Gang zur Garage schon mit der Startsequenz des Tai Chi Chuan im Yang-Stil vergleichbar, und wenn ich dann endlich auf dem Bock sitze ist der Alltag bereits weg, aber sowas von.
    Vollste Konzentration von Anfang an, darum bemühe ich mich, bei jeder Ausfahrt aufs Neue.
    Gelingt nicht immer, zugegeben. 😉

    Eier legen muss meine Z900 nicht, ich fahre damit eine der schnellen Hausrunden genauso gern wie ausgedehnte Tagestouren in die Alpen.
    Für längere Touren gibts heute für nahezu alle Mopedtypen die passende Gepäckkonstellation, für Tage mit unsicherer Wetterlage reichen Tankrucksack und Hecktasche völlig aus.

    Die Sporttourenreifen von heute machen bei moderater Fahrweise kilometerlange Anstiege auf Schotter klaglos mit, wenn auch der breite Hinterreifen mangels Geländeprofil für zusätzliche Adrenalinschübe sorgt wenn ich allein oder mit bewährter Kleingruppe unterwegs bin.
    Aber ich muss ja nicht mit den Crossern mithalten, Hauptsache ich komme auf der Alm zu Jause und Ausblick und ein paar guten Bildern.

    Vom Image her passt meine Kawa nicht zu mir, ist eher so als wäre ich mit meiner Enkelin unterwegs, eine kleine Punkerbraut die den Alten zum Cafe am See mitnimmt…
    Das ist nicht so schlimm.
    Vielleicht weil ich weiß dass sie nach der Fahrt weiche Knie haben wird und dringend einen Zirbengeist braucht.

  6. Ein Motorrad bietet doch die geniale Möglichkeit, den Alltag auch mal zu verlassen und den Blickwinkel zu verändern, nicht nur durch den Wechsel der Sitzposition. Die Vibrationen, der leichte Benzingeruch, ein zuckender Zeiger im Drehzahlmesser, irgenwie immer schmutzige Finger und vom Helm plattgedrücktes Haupthaar, so soll das für mich sein. Ich glaube, es ergeht nicht nur mir so und die Werbung weiß das.
    Mein Motorrad muss nur für mich tauglich sein, nicht für den Alltag.

    1. Letztlich läuft es genau darauf hinaus. Und ich bin ja keinesfalls dafür, dass Bewährtes aufgegeben wird. Aber ein wenig mehr Esprit in der Entwicklungsschmiede würde bestimmt nicht schaden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.