Der Beginn: Vélocipèdraisiavaporianna

Das erste Motorrad hat es faktisch eigentlich nie gegeben. Ist aber bestens geeignet, um beim Galgenraten Punkte zu sammeln.

Vélocipèdraisiavaporianna. Wer sich das merken kann, hat ein nachweislich gutes Gedächtnis. Oder spricht Französisch. Der Zungenbrecher stammt von einem französischen, aber leider unbekannten Visionär. Der bringt den Gedanken eines Motorrads 1818 in einer Zeichnung zu Papier.*

Mehr ist das erste Motorrad zunächst nicht. Eine Idee, die seinerzeit in der Luft schwebt. Und deren sinnvolle Umsetzung die Erfindung einiger anderer Dinge voraussetzt. Ein Motorrad ist nun mal eine hochgradig komplexe Angelegenheit, dessen Qualitäten sich wesentlich aus der gelungenen Abstimmung hochwertiger Einzelteile bestimmt.

Nur ein Jahr älter: die Draisine

Erst ein Jahr zuvor hatte Karl von Drais seine Draisine vorgestellt. Eigentlich ein Nachfolger einer vierrädrigen Variante. Diese einspurige Laufmaschine wird mit seinerzeit sagenhaften 13 bis 15 km/h gefeiert.

Jedoch setzt sich die anfängliche Euphorie nicht so recht durch. Den Menschen scheint die wackelige Angelegenheit nicht zu behagen. Auch aufgrund der schlechten Straßenverhältnisse. Und so weicht man lieber auf die besser ausgebauten Gehwege aus. Das wiederum erregt die Obrigkeit. Fahrverbote werden erlassen. (Was uns gewissermaßen bekannt vorkommen dürfte.) Der brilliante Tüftler und Erfinder Drais starb 1851 verarmt.

In der Darstellung der Motorradgeschichte wird das mir rundum sympathische Vélocipèdraisiavaporianna bestenfalls als „Utopie“ genannt. Das ist erstaunlich. Denn zwischen Idee und Umsetzung liegen nur 50 Jahre. Dann ist das erste Fahr- bzw. Laufrad mit Motor da.

Die ersten Motorräder

Die Lorbeeren gehen an die Franzosen Pierre Michaux und Louis-Guillaume Perraux, die 1868* einen Stahlrahmen mit einer 30 Kubik großen Dampfmaschine ausrüsten. Die voluminösen Maschinen waren für ein Zweirad aber nicht wirklich geeignet.

Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach sind diejenigen, die 17 Jahre später als erste einen kleineren Verbrennungsmotor verwenden. Sie sprechen noch vom „Reitwagen“, auch wenn der Sohn Daimlers, Adolf Daimler, bereits das Wort „Motorrad“ verwendet. Das Gestell des 12 km/h schnellen Fahrergrills erwies sich alles andere als fahrtauglich. Adolf Daimler, Versuchskaninchen bei der Probefahrt, berichtete:*

„Der Auspuff des Motors befand sich […] dicht unter dem Sattel, und je weiter ich fuhr, desto wärmer wurde die Sache. Als ich die Ursache erfaßte, war es schon so arg, daß ich fürchtete, die Fahrt könne ein böses Ende nehmen, und der Gedanke, der mir blitzschnell durch den Kopf schoß, veranlaßte mich, zur Rettung meines gefährdeten, allerwertesten Körperteils schleunigst über die Lenkstange zu springen.“

Daimler bereut später, das Konzept zu den Akten gelegt zu haben. Andere greifen die Idee auf, verbessern und kommerzialisieren sie. In Siebenmeilenstiefeln geht die Entwicklung weiter. Neue Erfindungen, technische Lösungen und deren Zusammenführung ermöglichen die Serienproduktion.

Das erste Serienmotorrad

Das erste, allerdings wenig erfolgreiche Serienmotorrad stammt von Heinrich Hildebrand und Alois Wolfmüller in München. 1.200 Mark, mehr als ein durchschnittliches Jahresgehalt, sollte für das technisch nicht ausgereifte Vehikel bezahlt werden.

Zudem verbot die städtische Polizei den Einsatz in München mit der Begründung, die 1488 Kubik große und 45 km/h schnelle Hildebrand & Wolfmüller sei zu laut. (Auch keine Unbekannte.) Das Patent wurde nach Frankreich verkauft.

Aber die Zeit war reif. Es folgen Schlag auf Schlag noch bis heute nachklingende Namen wie Excelsior (1898) Royal Enfield (1901), Harley Davidson (1903), und viele andere mehr. Der Weg ist geebnet.

* Die Zeichnung (PD-OUD) befindet sich heute im National Motor Museum von Beaulieu nahe Southhampton, UK.

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