1969

Zum Jahreswechsel ein Blick zurück. Um genau 50 Jahre. Dabei stelle ich mir die Frage, welches Motorrad wohl am besten dieses Jahr vertritt.

In Vietnam tobt der Krieg, die VR China liefert sich mit Russland handfeste Kämpfe am Ussuri und in Woodstock liegt sich die Hippie-Bewegung mehr oder weniger das letzte Mal in den Armen. Der erste Mensch setzt seinen Fuß auf den Mond und Japan verdrängt die Bundesrepublik vom Platz als drittgrößte Industrienation.

Der nach wie vor als reiner Motorrad-Roadmovie missverstandene Film Easy Rider schafft es in die Kinos, während die Hells Angels ihren schlechten Ruf in Kalifornien bestätigen. Bei einem Aufritt der Rolling Stones in San Francisco kommt es zu einer handfesten Auseinandersetzung, bei der die als Ordner eingesetzten Biker einen 18-jährigen Angreifer erstechen.*

Kaum ein Mensch weiß zu dieser Zeit von der Erfindung des Internets. Wenn, hätte es wohl die wenigsten interessiert. Das ARPANET geht jedenfalls 1969 an den Start. Unterdessen wird Willy Brandt Bundeskanzler. Sein Motto: „Mehr Demokratie wagen.“ Er wird in Bonn eingeschworen. Die DDR schließt im selben Jahr die Grenzen für alle Mitglieder der Bundesversammlung, da der westdeutsche Bundespräsident im westlichen Teil Berlins gewählt wird.

BWM geht an die Spree

BMW hält dies aber keineswegs davon ab, die Motorradproduktion von der Isar an die Spree zu verlegen. Drei Millionen Motorräder (bzw. auch Roller) sind seitdem in Berlin-Spandau produziert worden. 1969 war es vor allem die R 60/5, die dort gebaut wurde und die heute die Vorlage für das kultige Retromodell R nineT ist. Dennoch ist es keine BMW, die 1969 für sich beanspruchen darf.

Genannt werden muss vielmehr die Harley-Davidson FL, aus der Captain America und Billy Bike gebaut werden. Die Maschinen, auf denen Henry Fonda und Dennis Hopper als Wyatt und Billy zunehmend desillusioniert durch die USA touren. Aus gebrauchten Polizeimotorrädern werden sie zusammengebastelt. Drei der insgesamt vier Filmmotorräder sollen noch während der Dreharbeiten gestohlen worden sein.

Dann wäre da noch MV Agusta. MV Agusta ist eng verknüpft mit Giacomo Agostini, einer der besten und unzweifelhaft erfolgreichsten Motorradrennfahrer der Geschichte. Er holt auf den italienischen Maschinen 1969 in der 350er und in der 500er-Klasse den Weltmeistertitel. Die im Rennsport gesammelten Erfahrungen lässt MV Agusta in die Konstruktion der MV Agusta 750 Sport einfließen. Der Vierzylinder mit 70 PS und 7.900 U/min. bringt mehr als 220 km/h. Einziges Manko der Schönheit: ein Kardanantrieb.

Die größte Konkurrentin der Agusta kommt aus Japan. Die CB 750 Four von Honda ist günstiger und technisch weitaus innovativer – mit einem quer eingebauten Vierzylinder und Scheibenbremsen setzt sie Standards.

Drei zur Wahl

Zur Wahl stehen also Harley-Davidson FL, MV Agusta und Honda. Alle drei Motorräder repräsentieren einen Teil der 1969er: Eine zunehmend desillusionierte Auseinandersetzung mit den großen Idealen des Jahrzehnts und Freude an technischem Fortschritt.

Dürfte ich mich jetzt für eines der Motorräder entscheiden, würde ich wohl, reine Bauchsache, die Agusta wählen.

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2 Comments

  1. Ich würde sehr gerne mal nur eines der drei genannten Moppeds fahren, um mir wenigstens ein bisschen eine Meinung zu alten Krädern machen zu können. *seufz*

  2. nicht umsonst war die cb 750 die basis für unseren entwurf von 1979. der soundtrack zu der dottergelben designstudie war die hippiemusik aus dem summer of love.

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